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27.10.2013

Leben auf dem Pulverfass - Neues Beben erinnert Japaner an 3/11

Tokio (dpa) - Mit einem Schlag ist das beklemmende Gefühl der Angst wieder da. Während die meisten Japaner schlaftrunken auf ihren Futons liegen, beginnen Wände und Fensterrahmen zu wackeln. In den Schränken klappert das Geschirr. Nicht besonders stark, aber ungewöhnlich lang wackelt es. Über Lautsprecher schallt die Warnung der Behörden vor einem Tsunami durch die regenverhangende Nacht.

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Für einen Moment taucht die Erinnerung an die Katastrophe vom 11. März 2011 wieder auf. «Im Vergleich zu damals war die Erschütterung diesmal jedoch nicht so heftig, deswegen habe ich gleich gedacht, dass die Flutwelle nicht so hoch wird», erzählt eine ältere Frau wenig später sichtlich erleichtert im japanischen Fernsehsender NHK.

Tatsächlich bleibt Japan diesmal Schlimmeres erspart. Am Abend ist schon nicht mehr das Erdbeben die Top-Nachricht, sondern ein heftiger Taifun, der gleichzeitig weite Regionen mit starken Regenfällen überzieht. Nur eine Woche zuvor waren bei einem anderen Taifun, dem stärksten seit zehn Jahren, 31 Menschen auf einer Insel südlich von Tokio in den Tod gerissen worden. Zu Schaden kam diesmal niemand, am Sonntag schien wieder die Sonne.

Auch das Beben forderte keine neuen Todesopfer. Zwar gab es Tsunami, doch die Flutwellen erreichten nur eine Höhe von 40 Zentimetern. Als der Morgen graute, gingen die Japaner wieder ihrem normalen Alltagstrott nach. «Shikatanai», da kann man nichts machen, meint ein Taxifahrer in Tokio. «Starke Beben können jederzeit kommen. Eines Tages wird eines auch Tokio treffen.»

Doch trotz der den Japanern eigenen Gefasstheit löste die erneute Erschütterung bei vielen Menschen unterschwellig Beklemmung aus. «Taifune, gewaltige Regenfälle, Erdbeben mitten in der Nacht. Die Natur warnt uns», schreibt die Japanerin Michiko Ryo im Kurznachrichtendienst Twitter und fügt hinzu: «Es ist eindeutig, dass Atomkraft für unser Land keine Wahl ist». Das Erdbeben vom Samstag schlug just am «Tag der Atomkraft» in Japan zu - in Erinnerung an Japans Beitritt zur Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) 1956 sowie den Testbeginn zur Stromerzeugung mit Atomreaktoren 1963.

Zwar versicherte der Atombetreiber Tepco gleich nach dem Beben, es gebe in der Atomruine Fukushima keine neuen Auffälligkeiten. Auch die Medien des Landes thematisierten die Lage im AKW an diesem Tag nicht weiter groß. Dennoch haben viele Japaner Sorgen. Schon in wenigen Tagen will Tepco damit beginnen, die ersten von rund 1500 gebrauchten und frischen Brennstäben per Kran aus einem Abklingbecken im Reaktorgebäude 4 herauszuholen, dessen Dach bei der Katastrophe 2011 von einer Wasserstoffexplosion zerstört worden war.

«Was wäre passiert, wenn es ein solches Beben während der Arbeiten mit den Brennstäben im Reaktor 4 gegeben hätte....», schreibt Masaru Kaneko von der Universität Keio auf Twitter. Atomkraftgegner warnen schon länger vor einer unvergleichlich größeren Katastrophe, sollten Brennstäbe beim Herausholen beschädigt werden oder neue starke Erdstöße das in 30 Metern Höhe gelegene Abklingbecken zerstören.

Eine weitere große Gefahr stellen Hunderte Tanks auf dem Gelände der Atomruine dar, in denen Tepco verstrahltes Wasser lagert. Dieses stammt von der Kühlung der geschmolzenen Brennstäbe in den Reaktoren 1 bis 3. Die teils hastig zusammengenieteten Metalltanks beginnen bereits zu lecken. Was, wenn ein neues Erdbeben oder ein Tsunami diese Tanks beschädigen würde? 

Ministerpräsident Shinzo Abe wird nicht müde zu beteuern, dass die Lage «insgesamt unter Kontrolle» sei. Auf diese Weise will der Atombefürworter nach Meinung von Kritikern den Eindruck von Normalität vermitteln. Von einem Ausstieg aus der Atomenergie ist auch nach dem erneuten Erdbeben keine Rede. Ein Ausstieg wäre ohnehin zum jetzigen Zeitpunkt «unverantwortlich», meinte Abe dieser Tage.

Dass es bei dem Erdbeben vom Samstag (Ortszeit) zu keiner neuen Katastrophe kam, dürfte Atombefürworter wie ihn in eher noch bestärken. Und so geht in Japan erstmal der Alltag ganz normal weiter, auch wenn jeder weiß, dass das nächste Beben kommt. Shikatanai - da kann man nichts machen.