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Ledige Chinesinnen reisen mit «Mietfreund» zum Neujahrsfest.
07.02.2013

Ledige Chinesinnen reisen mit «Mietfreund» zum Neujahrsfest

Peking (dpa) - Der Druck der Familie ist enorm. Viele ledige junge Frauen reisen zum chinesischen Neujahrsfest an diesem Wochenende nach Hause, nur um mit einer Frage konfrontiert zu werden: Haben sie endlich einen Mann gefunden und wie steht es mit der Familiengründung?

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Was liegt da näher, als einfach irgendeinen Mann mitzunehmen und als den potenziellen Auserwählten vorzustellen, um Eltern und Verwandte ruhig zu stellen und ein glückliches Fest zu erleben. Wegen der großen Nachfrage gibt es im chinesischen Internet ein Heer von «Mietfreunden» oder Hunderte Vermittlungsagenturen, die solche Vertretungsdienste anbieten.

Wer die Suchworte «Für Neujahr einen Freund mieten» im populären Taobao-Portal eingibt, bekommt mehr als 370 000 Treffer. «Letztes Jahr habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, aber am Ende wollte ich keinen Fremden anheuern», erzählt die 32-jährige Managerin eines Staatsbetriebes, die namentlich nicht genannt werden wollte, der Nachrichtenagentur dpa. Am Ende habe sie einen schwulen Freund überredet mitzukommen. «Ich habe meine Eltern betrogen und ihnen vorgemacht, dass ich mit jemandem ausgehe», sagt sie. «Meine Eltern hatten keine Ahnung und waren ziemlich glücklich und erleichtert.»

Dass moderne Chinesinnen einen Begleiter für Familienfeste anmieten, ist keineswegs neu, aber der Trend nimmt zu. Ein junger Mann mit dem Namen «Haoquan» gibt auf der Tabao-Plattform vor, in den letzten sechs Wochen schon 17 mal gemietet worden zu sein. Er schläft nicht im selben Bett, aber bietet ansonsten alles an, was ein perfekter Schwiegersohn so drauf haben muss - einschließlich Friedhofbesuchen. Seine Kunden loben ihn in ihren Kommentaren als «ehrlich» und «verlässlich». «Er hat meine Probleme gelöst», schrieb eine Frau. «Jetzt habe ich erstmal Ruhe.»

Die Preise solcher Freunde auf Zeit reichen von ein paar hundert Yuan am Tag bis hin zu 2000 Yuan, umgerechnet rund 240 Euro. Oder es wird einzeln abgerechnet: Einkaufen gehen, mit Verwandten quatschen oder ins Kino gehen kosten 30 Yuan pro Stunde (knapp 4 Euro) - bei Horrorfilmen verdoppelt sich der Preis. Eine Stunde mit Küsschen und Umarmen schlägt schon mit 50 Yuan zu Buche. Die Reisekosten tragen die Frauen. Da potenzielle Schwiegersöhne von Vätern gerne auf Trinkfestigkeit getestet werden, berechnet ein Mietfreund für Schnaps-, Wein- oder Biergelage jeweils nach Menge in Milliliter.

Der Miettrend wird heiß diskutiert. «Solche Dienstleistungen sind weder verboten noch rechtlich geschützt. Jedes Problem ist schwer zu lösen», warnt der Rechtsanwalt Liu Ancai in der Staatsagentur Xinhua. Der Soziologe Hou Xiaofeng kritisiert: «Diese jungen Leute glauben vielleicht, dass es Respekt vor den Eltern zeigt, wenn ein falscher Verlobter mitgebracht wird, aber es ist einfach Betrug.» Andere sehen hingegen ein großes gesellschaftliches Problem und die Frauen vor allem als Opfer überzogener, veralteter Erwartungen.

Traditionell verlieren Eltern in China das Gesicht, wenn ihre Kinder im heiratsfähigen Alter keinen Partner finden. Oft kümmern sie sich selber um die Suche nach einem geeigneten Mann. Von Töchtern wird erwartet, die nächste Generation sicherzustellen - selbst wenn sie eine gute Ausbildung haben und Karriere machen. Der Druck wächst, je älter die Frauen werden. «Mein Vater will mich nicht mehr sehen, weil er sich wegen mir so schämt», berichtet eine leitende Angestellte einer Informationstechnologie-Firma.

«In seiner großen Familie bin ich die einzige Tochter, die noch nicht geheiratet hat», sagt die 32-Jährige, die anonym bleiben wollte. «Auch viele seiner Freunde haben bereits Enkel.» So werde ihr Vater ständig nach ihr gefragt. «Er hat das Gefühl, wegen mir das Gesicht zu verlieren.» So sei eben der gesellschaftliche Hintergrund in China. «Das lässt sich nicht ändern.»

Aus Sicht ihres Vaters trage sie vorrangig die Verantwortung, den Familienstamm fortzusetzen. «Ich war geschockt, aber ich verstehe, dass es seine Werte sind - oder besser die seiner Generation.» Jahrelang habe sie nur studiert und Karriere gemacht. Ihr fehlten Erfahrungen, auf Männern zuzugehen oder gar zu flirten. «Es ist falsch, wie mein Vater mich unter Druck setzt», sagt die 32-Jährige. «Aber ich will meine Eltern auch nicht enttäuschen. Deswegen muss ich dieses Jahr jemanden finden, den ich heiraten kann.»