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Bundeskanzlerin Angela Merkel locker und in einer für sie ziemlich ungewohnten Farbe. © dpa
03.05.2013

Locker und so privat wie nie: Kanzlerin Merkel im Interview

Berlin. Gott oder Steinbrück? Männer oder Frauen? Kristina Schröder oder Ursula von der Leyen? In einem Gespräch mit der Frauenzeitschrift «Brigitte» am Donnerstagabend im Berliner Maxim Gorki Theater kann Bundeskanzlerin Angela Merkel jeweils zwischen zwei Themenkomplexen wählen. Sie entscheidet sich für Gott und die Männer und drückt sich um die Wahl zwischen den beiden Bundesministerinnen herum, obwohl sie das nach der Interview-Regie gar nicht darf.

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Ist Angela Merkel in letzter Zeit lockerer geworden?

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Stimmen gesamt 287

Mehrere Hundert Zuhörer - darunter überwiegend Frauen - erleben eine schlagfertige, amüsante und auch amüsierte Kanzlerin und CDU-Vorsitzende. Merkel, die grundsätzlich wenig über ihr Privatleben preisgibt, zeigt sich offen, spricht über ihren Mann Joachim Sauer und ihre «kamelartigen Fähigkeiten». So erlebt man sie selten. Das Publikum ist begeistert, lacht und klatscht.

Sie nimmt dann sowohl zu Schröder als auch zu von der Leyen Stellung. Sie bezieht in der Frage der Frauenquote, die wegen eines Vorstoßes von der Leyens zu einer gesetzlichen Vorgabe vorübergehend zum Sprengpotenzial für die Koalition geworden war, klar Position für Schröder. Diese ist gegen die feste Quote. Frauen in der Politik seien übrigens ganz unterschiedlich, findet die Kanzlerin, was keine Überraschung ist. Doch sie nennt ausgerechnet von der Leyen, Schröder und sich selbst als Beispiel. Und sagt: «Frauen sind zu Frauen auch nicht immer nett in der Politik.

Nur wenige Male kommt Merkel in dem knapp 90-minutigem Auftritt in Verdrückung. Etwa als Brigitte-Chefredakteurin Brigitte Huber fragt, ob von der Leyen in der übernächsten Wahlperiode Kanzlerin werden könnte? «Ich traue das vielen zu», behauptet Merkel. «Trotzdem glaube ich, ist die Frage in dem Kontext so gestellt, dass ich jetzt nicht darüber befinden will.» Und was macht Merkel, wenn sie einmal nicht mehr Kanzlerin ist? «Da hatte ich jetzt wenig Zeit, darüber nachzudenken. Ich habe nicht den Eindruck, dass mir die Fantasie ausgehen wird.»

Ist Merkel eine Feministin? «Nein. Das würde die Feministinnen traurig machen, wenn ich mich dazu zählen würde.» Aber möglicherweise sei sie für Frauen als Kanzlerin ein interessanter Fall. Haben Sie genug Zeit für Ihre Familie? «Nein.» Fragt sie ihren Mann um Rat? «Manchmal sagt er auch von selbst etwas. Die Tatsache, dass er etwas sagt, zeigt, dass es ein Problem gibt.»

Sie bekennt, dass sie sich lange Zeit nimmt für Entscheidungen - politische Gegner sagen, sie verspiele dadurch wichtige Zeit, tue sich generell schwer mit Entschlüssen, und richte sich quasi oft nach dem Wind. Die Kanzlerin sagt, politische Entscheidungen, die mit 100 zu null Prozent gefällt würden, seien selten. Einmal entschieden, müsse sie dann aber auch nicht mehr hadern. «Dann wird der Weg gegangen. (...) Ich bin mit mir im Reinen.» Die Finanzhilfen für Griechenland seien ein solcher Entscheidungsprozess gewesen.

Alltag oder Ausnahmezustand? Merkel wählt den Alltag und landet mit ihren Antworten schnell beim «Ausnahme-Alltag», wie es Huber beschreibt. Merkel schildert, dass sie immer erreichbar ist, keine festen Verabredungen machen kann und jederzeit mit einer Krise rechnen muss. Braucht sie wirklich nur vier Stunden Schlaf? Nein, antwortet sie. Aber: «Ich habe gewisse kamelartige Fähigkeiten. Ich habe eine gewisse Speicherfähigkeit. Aber dann muss ich mal wieder auftanken.» Und was nährt eigentlich den Mythos, dass sie eine ganze Nacht lang einen EU-Gipfel bestreitet und danach noch fit aussieht? Merkel (58): «Den Mythos nährt, dass es passiert.»