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Wie man gesundes Gemüse verarbeitet, bringt die Geschäftsführerin des Kinderschutzbunds, Doris Möller-Espe, in der Gruppe „Kreativ am Freitag“ Jonas, Dlbrim, Jumanc und Kim (von links) bei.   Foto: Ketterl
Wie man gesundes Gemüse verarbeitet, bringt die Geschäftsführerin des Kinderschutzbunds, Doris Möller-Espe, in der Gruppe „Kreativ am Freitag“ Jonas, Dlbrim, Jumanc und Kim (von links) bei. Foto: Ketterl
Auf dem Feld wird schon jetzt fleißig mit angepackt: Bei den Solawi-Ernteeinsätzen auf dem Auenhof arbeiten alle Generationen Hand in Hand. Dort können Kinder lernen, wo das, was später auf dem Teller landet, eigentlich herkommt.  Foto: Reiling
Auf dem Feld wird schon jetzt fleißig mit angepackt: Bei den Solawi-Ernteeinsätzen auf dem Auenhof arbeiten alle Generationen Hand in Hand. Dort können Kinder lernen, wo das, was später auf dem Teller landet, eigentlich herkommt. Foto: Reiling
09.12.2016

„Menschen in Not“ hilft Solawi: Ernten, was man sät

Die PZ-Hilfsaktion „Menschen in Not“ gibt Familien, die vom Kinderschutzbund betreut werden, die Möglichkeit, gemeinsam mit der Initiative Solidarische Landwirtschaft (Solawi) gesunde Ernährung, die Herkunft von Lebensmitteln und den Umgang mit Natur und Umwelt zu entdecken.

Gemeinsam in der Küche stehen, aus frischen Lebensmitteln leckere Speisen zubereiten und am Ende am Tisch sitzen, den Tag Revue passieren lassen, sich austauschen, lachen, zusammen sein – all das kennen heute viele Kinder nicht mehr, weiß Doris Möller-Espe, Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbunds Pforzheim Enzkreis. Der Esstisch verschwinde als Kommunikationsplattform immer mehr aus dem Alltag. Oft nehme sich jeder das aus dem Kühlschrank, was dort gerade liegt – und oft hat das nichts mit Obst oder Gemüse zu tun. Gegessen wird mit dem Tablett auf den Knien vor dem Fernseher. Nebenbei. Unbewusst. Ohne Gemeinschaft. Das zeige sich deutlich in den Kommunikationsfähigkeiten und der motorischen Entwicklung der Kinder. Schon der Umgang mit Messer und Gabel werde erst spät erlernt.

Familienrituale sind verloren gegangen, in Vergessenheit geraten, – oder nie erlernt worden. „Mein Eindruck ist, dass immer mehr junge Leute Eltern sind, in deren eigener Kindheit kochen und gemeinsam essen schon keine Rolle mehr spielten“, sagt Uwe Riehl, einer der Solawi-Initiatoren und Mitarbeiter der Diakonie. Und dann gibt es noch die Kinder, die einen leeren Kühlschrank vorfinden. Weil da mal wieder keiner war, der ihn aufgefüllt hat.

Ernährung unter Anleitung

Frischen Lebensmitteln, dem gemeinsamen Kochen und Essen wieder Raum zu geben, ist eines der Ziele des Projekts „Erlebniswelten: Erleben – Ernten – Essen“, das der Kinderschutzbund mit der Initiative Solidarische Landwirtschaft Pforzheim-Enz (Solawi) und dem Auenhof in Bauschlott auf die Beine stellen möchte. Unterstützt wird das Projekt von der PZ-Hilfsaktion „Menschen in Not“ mit insgesamt 15 000 Euro.

Von einem Teil der Summe hat der Kinderschutzbund drei Solawi-Anteile gezeichnet (siehe Infokasten). Von Januar an erhält die Einrichtung damit gesundes Bio-Gemüse nach Demeter-Standards vom Auenhof, das in wöchentlichen Rationen an bedürftige Familien weitergegeben werden soll. „Je nachdem, wer es gerade am nötigsten hat“, sagt Möller-Espe. Unterstützt durch haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter des Kinderschutzbundes sollen die Familien das Gemüse selbst am Sammelpunkt der Solawi abholen und zu Hause unter Anleitung verarbeiten. „Hilfe zur Selbsthilfe“, nennt Möller-Espe das. Auch in der Gruppe „Kreativ am Freitag“ für Kinder zwischen fünf und elf Jahren wird das Thema gesunde Ernährung spielend behandelt und gekocht. Fortan mit Solawi-Gemüse.

Landluft für Stadtkinder

Doch das Projekt soll noch weiter reichen als bis in die Küchen. Es soll sich über Felder und Wiesen erstrecken, für Erde unter den Fingernägeln sorgen und Naturerlebnisse mit Tieren und Gummistiefel-im-Matsch-Gefühl bescheren. Landleben für Stadtkinder. „Wir haben festgestellt, dass immer mehr Kinder – egal aus welcher Schicht – nicht in die Natur kommen“, sagt Möller-Espe. Ernteeinsätze unter pädagogischer Begleitung auf dem Auenhof, beispielsweise im Rahmen eines Freizeitprogramms, sollen das ändern.

Zuvor gibt es aber noch einiges zu tun. Auch dabei soll das Geld von „Menschen in Not“ helfen. Auf dem Auenhof muss der alte Sozialraum der Gärtner den neuen Bedürfnissen entsprechend umgestaltet werden, einen kleinen „Kinderacker“ soll es geben, wo die Mini-Gärtner den Lebenszyklus des Gemüses – säen, pflegen, großziehen, ernten, Samen fürs nächste Jahr sichern – im Blick haben können. „So lernen sie: Wenn man etwas hegt und pflegt, hat man später etwas Größeres davon“, sagt Riehl. Dafür braucht es eine Erstausstattung an Gummistiefeln, Regenmänteln, Buddelhosen und kindgerechtem Werkzeug. Und wenn es regnet? Dann muss ein wetterfester Unterstand her – vielleicht sogar ein bunter Bauwagen. Beim Kinderschutzbund soll es begleitend Gruppenangebote für Eltern geben. „Wenn wir nachhaltig etwas erreichen wollen, müssen wir sie mit ins Boot holen“, so Möller-Espe.

Ganz neue Sozialräume

Die Solidarität innerhalb der Solawi beziehe sich nicht nur auf Produzent und Konsumenten, sondern auf die gesamte Gemeinschaft, sagt Riehl. Durch das Konzept sei es auch Menschen mit weniger finanziellen Mitteln möglich, neben gesunden Lebensmitteln auch ganz neue Menschen, Lebensmodelle, einen anderen Sozialraum kennenzulernen. „Ich verspreche mir für manche Familien, dass sie Impulse bekommen, sich damit auseinandersetzen und mitgetragen werden“, so Riehl.

Darum hätten ihm Sozialanteile für Einrichtungen von Anfang an am Herzen gelegen. Er hoffe, dass neben dem Kinderschutzbund und dem Erwerbslosentreff in Zukunft über Förderer vielleicht auch Familienzentren, Kitas oder Diakoniepunkte profitieren können. Eine Liste interessierter Einrichtungen gebe es bereits.

Wer mehr über die Förderung von Sozialanteilen erfahren möchte, findet Infos auf www.solawi-pforzheim.de. Kontakt per E-Mail an info@solawi-pforzheim.de