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02.05.2008

Menschenfresser mit Hundeschnauzen

Die Geschichte der Erforschung und Kolonisierung der Neuen Welt ist eine Geschichte des Kannibalismus. Und eine Geschichte wildester Vermutungen und Interpretationen. So vermutete der Europäer von jeher wilde Männer in fernen Ländern, die mit gutem Appetit Menschen fressen. Augenzeugen kannibalistischer Handlungen gab es indes so gut wie keine. Dafür jede Menge Zeichnungen, Skulpturen und Erzählungen.

Welch beeindruckender, weil verstörender Satz: „Beinahe alle Schwarzen glauben, dass Weiße Kannibalen sind.“ So dokumentiert es der schottische Afrika-Forscher David Livingstone 1857 in seinem Reisetagebuch.
Der Weiße an sich ein Kannibale? Ein Irrglaube. Ein Vorurteil. Ein Mythos. Welcher Afrikaner war schon Augenzeuge geworden von weißem Kannibalismus? Es liegt auf der Hand: Den Weißen geschah Unrecht. Und so erging es auch den Urbewohnern Mittel- und Südamerikas, den Europäern zufolge die  Kannibalen schlechthin.
Doch: Wenn nicht Kannibalen, was waren sie dann? Meist Projektionsflächen europäischer Deutungen. Ihre Entdecker machten die Indianer zu Menschenfressern – meist ohne augenscheinlichen Beweis.
Kolumbus fing damit an. Die ersten Wilden an der kubanischen Küste, die er 1492 beschreibt, sind „nackend“, „gut gewachsen“. Das hat er gesehen und nieder geschrieben. Im Gespräch mit den Nackten hört er von anderen Stämmen. Von Männern mit Hundeschnauzen, „welche sich von Menschenfleisch nährten.“
Kolumbus glaubt, das so verstanden zu haben im Gespräch mit den Indianern. Gesehen hat er es nicht. Was er in kannibalistischen Berichten wiedergibt, stellt sich dar als Interpretation des Gehörten, verbunden mit traditionellen Bildern, die seit der Antike auf Völker projiziert werden, die hausen, wo die eigene Welt und deren Erforschung endet.
In diesem Kontext taucht erstmals der Begriff auf, der den griechischen Begriff des Antropophagen im Munde des Volkes weitgehend verdrängt hat: Kannibale. Die kubanischen Indianer sagen „caniba“, eine Variante des Wortes „cariba“ und bezeichnen damit die Bewohner der Kleinen Antillen. In der Stammes-Sprache Arawak heißt das „heldenhaft“. Der Entdecker Kolumbus, ganz ein Schlauer, entdeckte in dem Wort das lateinische Wort „canis“. Also: Hund.Die Idee der hundsköpfigen Menschenfresser ist geboren.

Im 16. Jahrhundert fokussierten sich europäische Projektionen von Kannibalismus auf Brasilien. Vor allem auf die Tupinamba-Indianer, entdeckt von den Franzosen im Zuge der Kolonisation. Erste Berichte aus dieser Zeit stammen von dem Franziskaner André Thevet, spätere von Hans Staden und dem Calvinisten Jean de Léry. Weiterhin große Bekanntheit errangen die Illustrationen in den „America“-Sammlungen des calvinistischen Kupferstechers und Verlegers Theodor de Bry.
Es ist umstritten, wie weit man all dem über den Weg trauen kann.
Anlass zum Zweifel gibt der damals in Europa tobende Zank über das Abendmahl, der auch auf den Rücken der Indios ausgetragen wurde. „Dass der [...] zwischen Katholiken, Lutheranern und Calvinisten mit Heftigkeit geführte Streit über die wahre Substanz des christlichen Abendmahls [...] zu mancher Projektion Anlass gegeben hat, erscheint durchaus wahrscheinlich“, so der Ethnologe Karl-Heinz Kohl.
Zur Aufklärung: Der Zwist entzündete sich an der Neuinterpretation des Abendmahls durch die Protestanten, die die Idee von der Realpräsenz Christi aufgaben zu Gunsten eines zeichenhaften Verständnisses des Blutes und Leibes Christi. „Diese theologische Auseinandersetzung wurde weiterverarbeitet zu einer Polemik gegen die katholische Kirche“, führt Literaturwissenschafter Martin Windisch aus, „durch ihr Abendmahl-Verständnis würde sie selbst zu einer kannibalistischen Institution.“
Vor diesem Hintergrund liegt der Verdacht nahe, dass mancher Darsteller von Kannibalen mehr die katholischen Europäer als beobachtete Indios im Sinn hatte. Wenn Katholiken von Menschenfressern gegrillt werden, – wie bei de Bry – so erscheint dies als Bild der Strafe: Kannibalen verspeisen Kannibalen.
An anderer Stelle könnten Vermarktungs-Strategien eine Rolle gespielt haben: Unterwerfung von Menschenfressern lässt sich schlichtweg besser begründen. „In der Tat hat sich vor allem in Spanien eine Diskussion entwickelt, die darauf hinauslief, die Ausbeutung [...] der Indianer durch theologische und anthropologische ,Argumente‘ zu rechtfertigen“, so Joseph Jurt, Literaturwissenschaftler.
Freilich ist nicht jeder Darstellung aus dieser Zeit ihre Glaubhaftigkeit abzusprechen. „Die Details in den Beschreibungen [...] deuten daraufhin, dass es den Kannibalismus bei den brasilianischen Indios gab“, so Autor Franz Obermeier. Schädel- und Knochenfunde bestätigen diesen Eindruck.
Was als gesichert gilt: Die Berichterstatter waren wohl Augenzeugen von Tötungsritualen, nicht alle aber von Kannibalismus. Autorin Heidi Peter-Rücher dazu: „Es ist davon auszugehen, dass die Beobachter vieles [...] fehlinterpretierten, ferner aber auch davon, dass es sich nicht immer um Augenzeugen kannibalistischer Vorgänge handelte.“ Vielmehr schöpfte sich das Wissen um das, was nach der Tötung beschrieben wird, oftmals aus Informationen, die unter Europäern in Brasilien kursierten. Europäische Interpretationen also, bedingt durch die Erfahrung des Fremden. So war das Bild der Neuen Welt immer auch ein Gegensatz-Konstrukt zur alten, der zivilisierten Welt. Ein Konstrukt des Fremden. Ein Konstrukt des Kannibalismus. Der lauert unter karibischen Fremden. Unter brasilianischen Fremden – für Europäer. Unter weißen Fremden für Afrikaner.  Ronny Thurow