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Es könnte so schön sein. Doch kaum hat man ein paar Tage frei und kann sich an einem Pool erholen, kommen die Wehwehchen: Die Nase läuft, womöglich ist eine Grippe im Anmarsch.
Es könnte so schön sein. Doch kaum hat man ein paar Tage frei und kann sich an einem Pool erholen, kommen die Wehwehchen: Die Nase läuft, womöglich ist eine Grippe im Anmarsch.
14.09.2018

Mit der Auszeit kommt die Krankheit

Das kennt wohl jeder: Endlich ein paar Tage frei – und plötzlich fühlt man sich nicht mehr wohl: Die Freizeitkrankheit (Leisure Sickness) schlägt ausgerechnet in Entspannungsphasen zu. Aber warum ist das so? Und wie kann man sich davor schützen? Eine Ursachenforschung.

Da freut man sich das ganze Jahr über auf die Ferien oder ein paar freie Tage und dann geht es einem plötzlich schlecht. Kopfschmerzen, Magenbeschwerden und mit ein bisschen Pech kommt auch noch eine handfeste Infektion dazu, eine Erkältung vielleicht oder auch gleich eine ausgewachsene Grippe.

Wem das öfter passiert, der leidet vielleicht unter der sogenannten Freizeitkrankheit, die immer dann zuschlägt, wenn sich Körper und Geist eigentlich erholen sollten, in arbeitsfreien Entspannungsphasen wie dem Wochenende oder auch im Urlaub. Leisure Sickness (englisch für Freizeitkrankheit) nennt Professor Ad Vingerhoets das seltsame Phänomen, unter dem er lange selber litt. „Wenn ich krank wurde, dann am Wochenende oder zu Weihnachten“, erinnert sich der klinische Psychologe der Universität Tilburg.

Überzeugt davon, nicht allein mit diesem Problem zu sein, führte er Anfang der 2000er-Jahre kurzerhand eine Untersuchung zum Thema durch, bei der 1894 Niederländer repräsentativ befragt wurden. „Die am häufigsten genannten Symptome waren Kopfschmerz beziehungsweise Migräne, Erschöpfung, Muskelschmerzen und Übelkeit“, resümiert Vingerhoets die Ergebnisse der Studie, „auch von viralen Infektionen wurde oft berichtet, wie etwa von Erkältungen oder Grippe“.

Lebensstil spielt keine Rolle

Aber warum leiden manche Menschen offenbar sehr unter der Freizeitkrankheit – und andere dagegen nicht? Was sind die Ursachen für die Leisure Sickness? Auch auf diese Frage hat die niederländische Studie Antworten gefunden. „Ein Lebensstil oder bestimmte Freizeitaktivitäten scheinen keine große Rolle zu spielen“, meint Vingerhoets. „Vielmehr berichteten die Betroffenen davon, dass sie gestresst oder überarbeitet waren, und vor allem Schwierigkeiten damit hatten, nach der Arbeit abzuschalten, also Job und Freizeit klar voneinander zu trennen.“

Das bestätigen auch andere Experten, die sich ebenfalls intensiv mit der Thematik auseinandergesetzt und eigene Studien angestellt haben. Betroffen von Leisure Sickness sind demnach vor allem Workaholics, die unter Dauerstress stehen, also Menschen mit einem hohen Arbeitspensum, die sich stark mit ihrer Arbeit identifizieren, die pflichtbewusst sind bzw. ein großes Verantwortungsgefühl haben.

Dabei sind keineswegs nur Führungskräfte besonders gefährdet, wie man lange annahm, sondern auch Selbstständige, Freiberufler und Schichtarbeiter, ja eigentlich jeder, der nach dem Job nicht abschalten und sich vernünftig entspannen kann. Genau das ist nämlich wichtig, um die bei der Arbeit verbrauchten Ressourcen wieder aufzufüllen, den Akku wieder neu aufzuladen.

„In langen Stressperioden wird permanent Noradrenalin ausgeschüttet“, weiß der Neuropsychologe und Stressforscher Professor Dirk Hellhammer aus Trier. „Ist die Stressperiode dann vorbei, etwa am Feierabend oder auch im Urlaub, ist die normale Versorgung mit dem Botenstoff nicht mehr sichergestellt, weil die Ressourcen verbraucht sind, und nicht hinreichend neues Noradrenalin produziert werden konnte.“ Die Experten sprechen in so einem Fall von „Noradrenalin-Hypoaktivität“. Mit anderen Worten: Der Dauerstress mobilisiert die letzten Reserven, um die geforderte Leistung zu bringen, und verbraucht dabei die Ressourcen, die später für die Erholung fehlen. Die Betroffenen werden anfällig für Krankheiten und die Poststress-Symptome zeigen sich ausgerechnet dann, wenn der Stress nachlässt, also am Feierabend oder im Urlaub.

Auf die leichte Schulter zu nehmen ist das nicht, denn laut einer repräsentativen Studie im Auftrag der Internationalen Hochschule Bad Honnef (IUBH) aus dem Jahre 2017 hat die Freizeitkrankheit mehr als jeden fünften Deutschen schon einmal in seinem Leben erwischt.

Zu viele Freizeitaktivitäten

Was bleibt, ist die Frage der Vorbeugung. Wie kann man dem Ganzen entgehen? Sind Feierabend und Urlaub noch zu retten? Professor Claudia Möller von der IUBH rät den Betroffenen, die eigenen Ansprüche an sich herunterzuschrauben und vor allem im Urlaub das Smartphone auszuschalten, um so der ständigen Erreichbarkeit zu entgehen. Oft ist der Stress in den Ferien aber auch hausgemacht, dann nämlich, wenn jeder freie Tag von morgens bis abends durchgeplant und mit Aktivitäten vollgestopft wird. So kann eine Auszeit von Job und Alltagsstress natürlich nicht funktionieren.

Wichtig ist es, auch im Alltag entspannen zu lernen, da sind sich die Experten einig. Regelmäßige Pausen, ausgedehnte Spaziergänge, aber auch Yoga und autogenes Training können dabei eine gute Hilfe sein. Wer es schafft, sich eine Auszeit vom Stress zu nehmen, ohne krank zu werden, der braucht den nächsten Urlaub auch nicht zu fürchten – denn der kommt ganz bestimmt.