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04.04.2008

Mit langem Anlauf

Sie waren Europameister, sie waren Weltmeister, sie sind gefürchtet und geachtet für ihr diszipliniertes Spiel: Die deutschen Fußballer haben in der Geschichte des DFB alles erreicht, was es zu erreichen gibt. Dabei war der Start nicht eben verheißungsvoll: Heute vor 100 Jahren setzte es beim ersten deutschen Länderspiel überhaupt in Basel eine 3:5-Pleite gegen die Schweiz.

Der Fußballblock im Pforzheimer „Generalanzeiger“ vom 6. April 1908 war überschaubar. Exakt 26 Zeilen reichten dem zuständigen Redakteur, alle wichtigen Tore des Wochenendes aufzuzählen. Da erfahren wir, dass die vierte Mannschaft des Ersten Fußballclubs Pforzheims gegen die zweite von Germania Brötzingen mit 13:0 siegte, die dritte des 1. FCP schlug die erste von Germania mit 6:0, die Reserve der Pforzheimer bezwang den FC Rastatt in einem „schönen Spiel“ mit 11:0 und die erste Mannschaft des 1. FC Pforzheim besiegte Germania Frankfurt auswärts mit 2:1. Schließlich folgt noch der Hinweis auf das am nächsten Tag folgende Spiel des 1. FCP gegen den deutschen Meister Freiburger FC (Endstand übrigens 3:3). Und irgendwo dazwischen finden sich folgende Sätze: „Bei dem internationalen Wettspiele in Basel zwischen Deutschland und der Schweiz verlor Deutschland mit 5 zu 3 Toren. Die deutsche Mannschaft ist aus den besten Spielern Deutschlands zusammengestellt, worunter sich auch ein Pforzheimer, Herr Artur Hiller vom 1. FC Pforzheim, befindet.“ Man darf diese Berichterstattung getrost als unaufgeregt bezeichnen, ein Wort, das der Fußballlehrer Volker Finke, ehemals SC Freiburg, einst prägte.
Dabei taugt jenes Spiel vom 5. April 1908 durchaus zu mehr: Es war das erste Länderspiel einer deutschen Nationalmannschaft überhaupt. Wenn man so will, der holprige Start in eine große Erfolgsgeschichte.
Holprig freilich war’s in vielerlei Hinsicht. Der Deutsche Fußball Bund (DFB) hatte sich zwar schon acht Jahre zuvor in Leipzig gegründet, es dauerte jedoch bis ins Jahr 1907, ehe sich die Funktionäre entschlossen, Deutschland zu Länderspielen antreten zu lassen.
Eine lange Vorbereitungszeit, sollte man meinen. Chaotisch ging es in Basel dann trotzdem zu. Die Spieler, ausgewählt vom Vorsitzenden des Bundes-Spielausschusses, Hugo Kubaseck, lernten sich erst im Hotel kennen, einen Trainer, der sie auf den Gegner einschwor, der die Aufstellung an eine Tafel schrieb, der seine Jungs motivierte, gab es nicht. Stattdessen war der Spielführer für die Taktik zuständig: jener Herr Artur Hiller vom 1. FC Pforzheim.
Es fehlte nicht nur ein Trainer, es fehlten auch Fußballschuhe. Die mussten die Spieler selbst mitbringen, ebenso den Smoking fürs abendliche Bankett. Die Sache mit dem Smoking war für einen Spieler besonders bitter. Der 19-jährige Frankfurter Fritz Becker hatte eine Einladung zu dem Spiel erhalten, sehr zum Verdruss seines Schuldirektors. Der hielt Fußball für „eine englische Fußlümmelei, bei der ein Haufen von Rohlingen mit den Beinen gegen einen Ball treten“. Becker musste sogar mal drei Stunden im Karzer verbringen, weil er sich unerlaubt abgeseilt und für die Frankfurter Kickers gespielt hatte.
Nun also die Zugfahrt nach Basel, im Gepäck die Kickstiefel und einen geliehenen Smoking. Zwölf Mark Leihgebühr musste Becker für das gute Stück hinblättern, für einen Schüler war das damals sehr viel Geld. Wenigstens wurde Becker entschädigt: Er erzielte zwei Tore, darunter den ersten deutschen Treffer der Länderspielgeschichte. Er hätte also glücklich sein können. War er aber nicht. Denn beim abendlichen Bankett schüttete ihm der Schweizer Torwart versehentlich Senf auf den geliehenen Smoking. Die Reinigung kostete 48 Mark – und Fritz Becker reiste nie wieder zu einem Länderspiel.
Das mit dem Smoking war also nichts, dafür stellte der DFB wenigstens die Spielkleidung: Schwarze Hemden mit weißen Ärmeln, auf der Brust den Reichsadler auf weißem Wappenschild, dazu schwarze Hosen und schwarze Stutzen. So liefen sie auf das Feld des Landhofs, die elf tapferen Kicker. Der Landhof war ein Sportplatz, wie man ihn heute bestenfalls in der Oberliga antrifft. Mit kleiner Holztribüne für die privilegierten Gäste, die anderen standen direkt am Spielfeldrand, einige in vierter Reihe auf Bänken, für den besseren Überblick. Tröten, Fahnen oder Schals gehörten damals nicht zur Ausstattung der Zuschauer. Stattdessen Anzug, Hut – und bei den wenigen Damen (Frauen erhielten nicht nur freien Eintritt, sondern auch eine Tafel Schokolade) bodenlange Kleider. Fangeschrei war ohnehin verpönt, im Programmheft baten die Veranstalter, „Beifall nur durch Handklatschen kundzutun und laute Zurufe zu unterlassen“. Wie viele Zuschauer das Spiel verfolgten, lässt sich nicht mehr so genau sagen. Einige Quellen sprechen von 5000 Besuchern, andere von 3500. Fest steht, dass alle reichlich nass wurden, weil aus den dunklen Wolken über dem Spielfeld bald heftiger Regen und Hagel auf Spieler und Zuschauer prasselte.
Heute würden Sportreporter sagen: „Mit dem Regen kam der Bruch ins Spiel der deutschen Mannschaft.“ Die war nämlich durch Fritz Becker in Führung gegangen, musste aber bald den Ausgleich und dann einen Rückstand hinnehmen. Am Ende stand es 3:5 aus deutscher Sicht.
Wer schuld war, ist nicht überliefert. Der Trainer kann’s nicht gewesen sein, sie hatten ja keinen, die Deutschen. Vielleicht lag’s ja am Schiedsrichter. Der, ein Engländer, lebte nämlich in der Schweiz – und vor allem erkannte er den Ausgleich der Schweizer an. Dabei hatte der deutsche Torhüter Fritz Baumgarten einen Schuss sicher gehalten, wurde dann aber mitsamt der Kugel vom Schweizer Mittelstürmer Kämpfer ins Tor gerempelt. Der Schiri gab den Treffer trotzdem. Sei’s drum. Viel interessanter ist, dass der Schiedsrichter, ein Mr. H. S. Devitte, im blauen Anzug und mit steifem Hut auf dem Kopf erschien. In dieser Kluft versah er auch sein Schiedsrichteramt. Der Legende zufolge soll der deutsche Spielführer Hiller den Leiter der Partie zunächst gar nicht erkannt und für einen Festredner gehalten haben. Der Auftakt war also eine Pleite und es dauerte fast ein Jahr, bis die Deutschen nach zwei weiteren Niederlagen und einem Unentschieden endlich den ersten Sieg feiern durften. In Karlsruhe bezwang ein Team, das ausschließlich aus süddeutschen Kickern bestand, die Schweiz mit 1:0. Wieder mit an Bord war auch der Pforzheimer Hiller. Es war sein drittes und letztes Länderspiel.
Vor zehn Tagen nun schloss sich der Kreis. Im insgesamt 800. Länderspiel, nach drei Weltmeisterschafts- und drei Europameisterschaftstiteln, nach unvergessenen Spielern wie Fritz Walter, Uwe Seeler, Franz Beckenbauer oder Lothar Matthäus, trat Deutschland wieder in der Schweiz an, wieder in Basel. Fußballschuhe standen diesmal übrigens bereit. Prompt siegten die Deutschen mit 4:0.