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14.07.2011

Mythos Beate Uhse – Todestag der Sex-Unternehmerin jährt sich zum zehnten Mal

FLENSBURG. Am 16. Juli 2001 starb Beate Uhse. Die legendäre Flensburger Sexartikel-Unternehmerin gründete 1951 mit einem Kondom-Handel den späteren Erotik-Marktführer. Heute verlagert sich das hartumkämpfte Geschäft zunehmend ins Internet. Der Mythos Beate Uhse bleibt.

Bildergalerie: Beate Uhses Todestag jährt sich zum zehnten Mal

Zehn Jahre nach dem Tod der Sex-Unternehmerin will das ZDF einen Film über die Unternehmerin drehen, die bis ins hohe Alter sportlich aktiv war und im Zweiten Weltkrieg als Testpilotin gearbeitet hatte. Fotos: dpaZehn Jahre nach dem Tod der Sex-Unternehmerin will das ZDF einen Film über die Unternehmerin drehen, die bis ins hohe Alter sportlich aktiv war und im Zweiten Weltkrieg als Testpilotin gearbeitet hatte. Fotos: dpaZehn Jahre nach dem Tod der Sex-Unternehmerin will das ZDF einen Film über die Unternehmerin drehen, die bis ins hohe Alter sportlich aktiv war und im Zweiten Weltkrieg als Testpilotin gearbeitet hatte. Fotos: dpa

Die «Lümmeltüten» sind bei Beate Uhse nur noch ein Randgeschäft. In der Nachkriegszeit begründeten Kondome, die es auch heute in diversen Varianten («Lustpunkte», «Lovemachine» «Herzrasen») gibt, den Erfolg der legendären Flensburger Sex-Unternehmerin, die vor zehn Jahren, am 16. Juli 2001, im Alter von 81 Jahren starb. Seitdem Supermärkte Präservative wie Marmelade verkaufen, ist mit diesen Verhütungsmitteln nicht mehr viel zu verdienen. Dafür stehen andere Sexartikel im Fokus der Kundschaft, die in einem immer härteren Markt umworben wird, vor allem im Internet.

«In diesem Sommer sind Vibratoren, die man mit Wasser füllen und kühlen kann wie Ice Cubes, "in"», berichtet Pressesprecherin Assia Tschernookoff. Das sei «ein schönes prickelndes Gefühl an heißen Tagen», die Vibratoren könne man aber auch im Winter nutzen mit warmem Wasser («das ist dann schön kuschelig»). Das Unternehmen schickte ein entsprechendes Sex-Paket an die deutsche Fußball-Nationalmannschaft der Frauen zur WM - allerdings ohne eine Antwort zu erhalten. Sehr gut gehen der Unternehmenssprecherin zufolge auch Dessous. Bademoden, sogar Jeans und Party-Kleider gehören inzwischen zum Angebot - «alles natürlich ein bisschen sexy».

Die Ausweitung im Sortiment ist Ausdruck eines sich rasant ändernden Marktes. In 2010 machte die Beate Uhse AG im operativen Geschäft (ohne Sondereffekte) 19,5 Millionen Euro Verlust, im laufenden Jahr soll er auf 6 bis 4 Millionen abgebaut werden. Erwartet wird ein Jahresumsatz zwischen 140 und 144 Millionen. Die Umsätze des Erotik-Marktführers brachen 2010 um 14,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 197,7 Millionen Euro ein. Hintergrund ist ein aggressiver Preiskampf. Außerdem hat das Unternehmen in den vergangenen drei Jahren sein Filialnetz um 35 Läden auf insgesamt 244 Shops in elf Ländern verkleinert.

Im Firmendeutsch ist die Rede von Umstrukturierung. Konkret bedeutet dies, dass alte Läden in schmuddeligen Bahnhofsvierteln oder Rotlichtmilieus sukzessive schließen und in zentrale Geschäftsgegenden umziehen sollen. «Das kostet viel Geld», sagt Tschernookoff. Moderne Shops - ohne den früher üblichen Vorhang vor der Tür - sind zum Beispiel auf der Zeil in Frankfurt, in der Sendlinger Straße in München oder am Bahnhof Zoo in Berlin zu finden.

Das Internet gilt trotz der harten Konkurrenz anderer Sexartikel-Anbieter als Hoffnungsträger. Inzwischen macht die Beate Uhse AG damit 52 Prozent ihres Umsatzes. Und auch die Kundschaft hat sich gewandelt. Kauften früher vor allem Männer, so ist inzwischen fast jeder zweite Kunde eine Frau. Seit drei Jahren läuft noch ein anderer, «altmodischer» Vertriebsweg. Nach dem Vorbild von Tupper-Partys laden Frauen zu «Ladies-Night-Partys» und bieten Sexartikel im privaten Freundinnenkreis an. «Die Männer werden dann meist weggeschickt», sagt Tschernookoff.

Sie selbst hat noch Beate Uhse gekannt. «Der Mythos um ihre Person wird vielleicht im Laufe der Jahren verblassen, aber nicht der Mythos der Marke», sagt Tschernookoff. «Beate wollte, dass die Menschen ihre Sexualität frei leben können und sich nicht dafür schämen müssen.» Neben Oswald Kolle habe Beate Uhse in einer spießigen Nachkriegsgesellschaft viel zur sexuellen Befreiung beigetragen.

Ihre Karriere begann sie mit einem Wandergewerbeschein. Nach dem Krieg, 1947, tingelte Beate Uhse mit ihrem Fahrrad durch den Norden Schleswig-Holsteins, um Spielzeug und Einkaufstaschen zu verhökern. Dabei wurde sie häufig mit dem Problem ungewollter Schwangerschaften konfrontiert. Kondome waren rar, die Pille noch nicht erfunden. Beate Uhse, selbst alleinerziehende Mutter, klärte die Landfrauen über natürliche Verhütung auf und verfasste außerdem eine Schrift über die «Knaus-Ogino»-Methode der fruchtbaren und unfruchtbaren Tage der Frau. Das Heftchen fand reißenden Absatz. Schon bevor Uhse 1951 ihr «Versandhaus für Ehehygiene» in Flensburg gründete, bot sie Kondome an.

Das Geschäft mit der Lust, das ihr in den ersten Jahren wegen «Vorschub zur Unzucht» unzählige Anzeigen, aber nie Verurteilungen eintrug, wuchs rasch zu einem millionenschweren Business. Die Power-Frau, Tochter einer Landärztin und eines ostpreußischen Gutsbesitzers, war im Zweiten Weltkrieg Testpilotin gewesen. Noch im hohen Alter flog sie selbst, machte einen Tauchschein, spielte Golf oder belegte einen Selbstverteidigungskurs für Frauen. Schicksalsschläge begleiteten ihr Leben. Ihr erster Mann, Hans-Jürgen Uhse, starb im Krieg, ihren zweiten, Ernst-Walter Rotermund, verlor sie 1972. Ein eigenes Krebsleiden Anfang der 80er überstand Uhse, nicht so ihr Sohn Klaus, der 1984 starb.

Im Herbst will das ZDF mit einem Spielfilm und einer Dokumentation an das bewegte Leben der anfangs angefeindeten und später hoch anerkannten Unternehmerin zeigen. dpa