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nsu © picture alliance / dpa
03.02.2014

NSU-Prozess: Die ganz "normalen" Nachbarn der Zwickauer Terrorzelle

Wie konnten sich die mutmaßlichen Terroristen des NSU 13 Jahre lang im Untergrund halten? Wahrscheinlich auch, weil sie die richtigen Nachbarn hatten, denen eine rechte Gesinnung als normal erscheint und die nicht viel fragen, weil ihnen die anderen Mitmenschen letztlich egal sind

Bildergalerie: NSU-Prozess - Arzt und Nachbarin als Zeugen geladen

«Wir waren befreundet», sagt Sindy P., «wenn sie zu Besuch war, haben wir uns ganz normal unterhalten, geraucht, auch mal 'nen Wein getrunken.» Mehrere Jahre wohnte sie in demselben Haus wie Beate Zschäpe - bis 2008, als die mutmaßlichen Neonazi-Terroristen in eine bessere Gegend in Zwickau zogen. An diesem Montag sitzt sie als Zeugin im NSU-Prozess: Sindy P., 28 Jahre alt, von Beruf Verkäuferin, schwarz gefärbte Haare mit roten Spitzen, zentimeterlange Fingernägel in grellem Pink.

Man kann der Nachbarin wohl glauben, dass sie nicht ahnte, mit wem sie es in Wirklichkeit zu tun hatte - sie kannte Beate Zschäpe unter dem Namen «Lisa», den (ebenso falschen) Nachnamen wusste sie nur vom Klingelschild. Uwe Mundlos habe sie nur zwei Mal gesehen, sagt sie, Uwe Böhnhardt gar nicht.

Dennoch fällt auf, mit welchem Unwillen Sindy P. überhaupt vor Gericht aussagt; wie sie versucht, nur das Nötigste zu sagen und das am liebsten in der unpersönlichen Form, als sei sie gar nicht richtig dabei gewesen. «Ja, man hatte Kontakt, weil man im Hof saß draußen, mit den anderen Hausbewohnern gegrillt hat.»

Dabei dürfte der Kontakt durchaus eng gewesen sein - zwei bis drei Mal pro Woche habe man sich gesehen, sagt Sindy P., und auch nachdem das Trio in eine andere Gegend gezogen war, sei Zschäpe noch ein bis zwei Mal pro Woche vorbeigekommen. Es fällt schwer zu glauben, dass «Lisa» in der ganzen Zeit nie auch nur erzählte, wie ihr Freund hieß, mit dem sie zusammenlebte. «Man hat nicht so viel von ihr erfahren», sagt die Nachbarin. «Sie war 'ne sehr gute Zuhörerin.»

Sie habe weder die neue Adresse noch eine Telefonnummer von Zschäpe gehabt. Verabredungen gab es keine. «Entweder sie war da oder auch nicht.» So bot die Aussage zwar nichts Neues über Zschäpe - aber einen weiteren Einblick in die Normalität der Zwickauer Nachbarschaft, in der die mutmaßlichen Terroristen des «Nationalsozialistischen Untergrund» (NSU) über Jahre hinweg unauffällig leben konnten. Wo keine Fragen gestellt wurden, wo der Leitsatz lautete: «Geht mich ja im Endeffekt auch nichts an.»

Es ist den Recherchen von Nebenklage-Anwalt Yavuz Narin zu verdanken, dass einmal mehr deutlich wurde, was alles «normal» war in dieser Nachbarschaft. Die politische Einstellung ihres Mannes zum Beispiel, die sei «normal», sagte Sindy P. Narin aber war vorbereitet - er hatte die Facebook-Seite von Torsten P. angeschaut und kopiert. Darauf rechtsextreme Slogans auf schwarz-weiß-rotem Grund, ein Bild von Paulchen Panther - der Hauptfigur des NSU-Bekennervideos - und ein Hetzgedicht: «Der Ali hat Kohle, der Hassan hat Drogen, wir Deutschen zahlen und werden betrogen.» Ob das der Gesinnung ihres Mannes entspreche?, fragt Narin. «Ja.»

Als 2011 rauskam, wer «Lisa» und ihre Mitbewohner in Wirklichkeit waren, da sei sie schon erschrocken, sagt Sindy P. Mehr wohl nicht. «Wir haben auch komischerweise nicht negativ über Lisa gedacht, weil wir sie ganz anders gekannt hatten.»