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Beate Zschäpe, die Hauptangeklagte beim NSU-Prozess in München. © dpa
02.07.2013

NSU-Prozess: Zschäpe schweigt vor Gericht, plauderte aber nach Verhaftung

München. Beate Zschäpe kehrt der Welt im Gericht noch immer jeden Morgen den Rücken zu. Sie tut es bewusst und konsequent schon 17 Verhandlungstage lang. Danach folgt Schweigen. Ihre Stimme haben die Zuschauer oben auf der Tribüne noch nie gehört, nicht einmal ihren Namen hat die 38-Jährige dem Richter zum Prozessauftakt genannt. Doch Zschäpe ist nicht immer so verschlossen gewesen.

Bildergalerie: Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess: Beate Zschäpe

Nachdem sie sich am 8. November 2011 der Polizei gestellt hat, plauderte sie gleich mit mehreren Beamten – und gab Einblick in ihr Seelenleben.

Beate Zschäpe hatte das Versteck des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) gerade in Brand gesetzt, die Wohnung an der Frühlingsstraße in Zwickau, in der sie nach Erkenntnis der Bundesanwaltschaft seit April 1998 mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos gelebt hat. Deren Leichen waren wenige Stunden zuvor tot in einem Wohnmobil in Eisenach aufgefunden worden. Es war gemeinsamer Suizid. Wenig später erfuhr die Welt von der Existenz des NSU. Wie Zschäpe an diesem 4. November 2011 vom Tod der Männer erfahren hat, ist eines der ungelösten Rätsel.

Sie verschüttete Benzin in der Wohnung, zündete es an und reiste gut vier Tage lang durch mehrere Bundesländer. Schließlich gab sie auf und stellte sich in Jena der Polizei. Die Kleidung wurde ihr abgenommen und zur Spurensicherung gebracht. Sie erhielt einen Trainingsanzug, der nicht passte, und wurde zur Polizeidirektion Zwickau gebracht. Dort begann sie, das erste Mal zu erzählen. Eine gute halbe Stunde lang.

Die eigentliche Vernehmung war an jenem Dienstagabend schnell vorbei, erinnert sich der Kriminalhauptmeister gestern vor dem Oberlandesgericht München. Zschäpe wollte sich nicht zum Vorwurf der schweren Brandstiftung äußern, also wurden nur ihre Personalien aufgenommen. Doch als Zschäpe das Protokoll unterzeichnete, sagte sie, dies sei „das erste Mal nach langer Zeit“, dass sie ihren echten Namen benutze.

In den vorherigen 13 Jahren hatte Zschäpe viele Namen verwendet: Sie hieß Susann, Mandy, Bärbel, Lisa, Liese, Sylvia.

Unter diesen Namen zahlte sie Miete, benutzte eine Bahncard, ging mit einer AOK-Versichertenkarte zum Arzt, hatte einen Brillen- und einen Fahrradpass. Bei der Polizei in Zwickau nun schrieb sie „Beate Zschäpe“ unter das Vernehmungsprotokoll. Zschäpe kam nach der Vernehmung in Gewahrsam. Doch die Polizisten, die sie dorthin begleiten sollen, waren verspätet. Der Kripobeamte bat Zschäpe in sein Dienstzimmer. „Wir haben da geraucht und etwas gegessen“, sagt der Beamte. Zunächst hätten sie sich über Belanglosigkeiten unterhalten. Doch dabei blieb es nicht.

Sie erzählte aus ihrem Leben. Dass sie als „Oma-Kind“ aufgewachsen ist, keine enge Bindung zu ihrer Mutter hat. Sie sagte auch, dass die beiden Uwes „ihre Familie“ gewesen seien. Sie sei von ihnen „nie zu etwas gezwungen worden“, auch das verriet das mutmaßliche NSU-Mitglied.

Mehrfach habe sie sich nach ihren Katzen Heidi und Lilly erkundigt. Zschäpe habe gesagt, dass sie ihre Katzen „vor dem Brand nach unten“ gebracht habe. Der Polizist habe ihr versichert, dass sie wohlauf seien und im Tierheim lebten. Nach den Menschen, die sie durch das Feuer in Gefahr gebracht hat, erkundigte sie sich nicht.

Auf ihrer Flucht habe sie versucht, bei Freunden unterzukommen, was ihr aber offenbar misslungen ist. Auch, dass sie darüber nachgedacht habe, sich das Leben zu nehmen, sagte sie. Sie behauptete, dass sie ihren Uwes versprochen hatte, deren Eltern anzurufen, für den Fall, dass etwas passiere. Und dass sie diesen Wunsch erfüllt habe.

Zschäpe habe einen übernächtigten Eindruck gemacht, berichtet der Polizist vor Gericht. Sie habe sich offensichtlich unwohl gefühlt in dem Trainingsanzug. Sie sorgte sich, dass sie nach Tagen ohne Dusche schlecht rieche. Er habe ihr geglaubt, als sie angekündigte, vor dem Ermittlungsrichter Angaben zu machen. Sie tat es nicht. Doch sie sprach noch ein weiteres Mal mit einem Polizisten, mit einem Mann vom Bundeskriminalamt (BKA). Auch er wird an diesem Tag vor Gericht befragt. Sie berichtete ihm vom Leben im Untergrund. Wie schwierig es gewesen sei, „echte Freundschaften“ zu schließen. Sie sagte, dass sie ihre Großmutter vermisst hat und regelmäßig ins Telefonbuch guckte, wo ihre Oma und ihre Mutter lebten. Sie verriet auch, dass ihnen immer klar gewesen sei, dass sie eines Tages erwischt würden. „Jetzt wo sie nicht mehr im Untergrund lebe, würde sie ruhiger schlafen.“

Der BKA-Mann betont, er habe sie stets genau betrachtet, während sie sprach. Auch bei der Verlesung der zehn Mordvorwürfe durch den Ermittlungsrichter. Es habe ihn gewundert, wie emotionslos sie dabei wirkte. Selbst als es um den Tod ihrer Uwes, ihrer Familie, wie sie sagt, geht, habe sie keinerlei Reaktion gezeigt.

Keine Tränen, kein Schwitzen, nicht einmal geschluckt habe sie. „Sehr emotionslos“, fasst der Beamte zusammen. Er hat sie später noch einmal besucht. Sie habe erstaunt reagiert, als er sie fragte, ob sie Wertgegenstände aus dem Keller in der Frühlingsstraße wiederhaben wolle. Sie sagte, dass Gegenstände, die mit Geld aus Straftaten beschafft worden sind, doch gar nicht herausgegeben werden würden. Aus Straftaten, sagte sie.Beate Zschäpe sitzt keine zehn Meter neben dem Beamten auf der Anklagebank im Gerichtssaal. Sie schaut ihn mit ihrem undurchdringlichen Blick an. Und schweigt.Die Bundesanwaltschaft ist überzeugt, dass Beate Zschäpe mit Mundlos und Böhnhardt den NSU bildete. Die rechtsradikale Terrorzelle soll in den Jahren 2000 bis 2007 neun Männer türkischer und griechischer Herkunft und eine deutsche Polizistin ermordet haben. Zschäpe ist als Mittäterin angeklagt. Ihr werden auch 15 Raubüberfälle und mindestens zwei Sprengstoffanschläge vorgeworfen.Das Gericht steht vor der schweren Aufgabe ihr nachzuweisen, dass sie die Taten zwar nicht durch eigene Hand begangen, aber sehr wohl von ihnen gewusst und die Männer unter anderem beim Morden entscheidend unterstützt hat. Den wenigen Momenten, in denen Zschäpe ihr Schweigen nicht durchhält, sind daher bedeutsam. Das wissen auch ihre Anwälte – und haben ihr geraten, fortan den Mund zu halten.„Sie habe sich nicht gestellt, um nicht auszusagen“, so hatte sie es dem BKA-Beamten gesagt. Daran gehalten hat sie sich nicht.

PZ-Gerichtsreporterin Wiebke Ramm liefert PZ-news regelmäßig brandaktuelle Neuigkeiten aus dem NSU-Prozess. Ihre Tweets sind in der Live-Twitter-Box auf der PZ-news-Startseite zu lesen.