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Junge Palästinenser feiern im Gaza-Streifen den Waffenstillstand. Israel kann den Krieg gegen die Hamas maximal als Teilerfolg verbuchen, während die Hamas sich als Sieger fühlt.
Junge Palästinenser feiern im Gaza-Streifen den Waffenstillstand. Israel kann den Krieg gegen die Hamas maximal als Teilerfolg verbuchen, während die Hamas sich als Sieger fühlt. © dpa
27.08.2014

Nahost-Experte Jürgen Th. Müller: „Hamas - die gefühlten Sieger des Gaza-Krieges“

Der neue Waffenstillstand zwischen Israel und den radikal-islamischen Terrorgruppen im Gazastreifen hat die erste Nacht gehalten. „Wir werden jetzt einen längeren Waffenstillstand erleben. Aber die Chancen für eine dauerhafte Friedenslösung sind sehr gering“, schätzt Jürgen Th. Müller, seit vielen Jahren Berichterstatter aus dem Nahen Osten und Geschäftsführer der Firma TV-BW Medienproduktionen, im PZ-news-Interview mit Nina Giesecke.

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Wird der aktuelle Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas bis zum Jahresende halten?

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Die neue Vereinbarung war von Palästinenserpräsident Abbas in Ramallah verkündet worden. Israels Ministerpräsident Netanjahu äußerte sich zunächst nicht. Er wurde sowohl von rechten als auch von linken Abgeordneten scharf kritisiert. Unterdessen feierten die Menschen in den Palästinensergebieten in der Nacht den Sieg der Hamas.

Der neue Waffenstillstand gilt unbefristet. Objektiv betrachtet hat die Hamas eine militärische Niederlage erlitten. Über 2000 Menschen starben, über 10.000 wurden verletzt. 32 geheime Tunnel wurden zerstört, statt 10.000 Raketen verfügen die Terrorgruppen nun noch über etwa 2000. Etwa 5000 Häuser im Gazastreifen wurden zerstört, viele Tausend weitere wurden schwer beschädigt und drohen einzustürzen. Mehr als 100.000 Menschen wurden obdachlos, es fehlt an Trinkwasser und Strom.

Trotzdem seien die Islamisten die psychologischen Gewinner des Krieges, unterstrich Nahost-Experte Müller: „Die haben dem hoch überlegenen israelischen Militär 50 Tage widerstanden. Vom Gazastreifen aus wurde ganz Israel in Angst und Schrecken versetzt, Hunderttausende Israelis flüchteten beim schrillen Klang der Alarmsirenen in Bunker, auch in den Großstädten Tel Aviv, Jerusalem und Haifa.“

Der internationale Flugverkehr nach Israel war tagelang auf ein Minimum reduziert. Und am Dienstag kletterten die Hamas-Führer unversehrt aus ihren Bunkern und ließen sich in Gaza feiern. Dabei kündigten sie sogleich an, die Waffenruhe sei nur ein Schritt, um ihr Ziel zu erreichen: die „Befreiung“ Jerusalems und ganz Palästinas von den „zionistischen Besatzern.“

Hamas und Islamischer Dschihad könnten zumindest bescheidene Erfolge vorweisen, erläuterte der Israel-Fachmann im PZ-news-Interview: Grenzübergänge werden geöffnet, die Fischer aus Gaza bekommen erweiterte Fangzonen. „Israel hat seine Kriegsziele hingegen komplett verfehlt: Hatte Netanjahu zunächst auf einer vollständigen Entwaffnung der Terrormilizen im Gazastreifen bestanden, war davon in den letzten Wochen keine Rede mehr. Nicht einmal die Vernichtung des Raketenarsenals der Islamisten gelang dem israelischen Militär. Und die Bewohner der Gemeinden im Süden haben erhebliche Zweifel, ob tatsächlich alle Terrortunnel entdeckt und vernichtet wurden“, machte der 54-jährige Journalist deutlich.

Umfragen zeigen, dass die Zustimmung innerhalb der israelischen Bevölkerung zur Politik Netanjahus drastisch gesunken ist. Nur noch 38 Prozent sind mit ihrem Regierungschef zufrieden. Der wird von Abgeordneten aller Parteien, auch seines eigenen Likud-Blocks, ins Kreuzfeuer genommen. „Die Militäroperation 'Starker Fels' begann mit großer Unterstützung. Sie endete mit einem beschämten und konfusen Israel“, erklärte der einflussreiche Likud-Abgeordnete Danny Danon. Oppositionsführer Isaac Herzog (Arbeiterpartei) forderte umgehend Neuwahlen.