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17.02.2015

Neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff wird konkret – das zweite Pflegestärkungsgesetz ist auf dem Vormarsch

Etwa 2,5 Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig, die große Mehrheit von ihnen wird zuhause von der Familie oder einem professionellem Pflegedienst betreut. Daneben gibt es außerdem rund 1,4 Millionen Menschen, die an Demenz leiden, voraussichtlich werden es bis 2050 bereits doppelt so viele sein.

Aber auch die generelle Zahl der Pflegebedürftigen wird in den kommenden Jahren weiter ansteigen, im Jahr 2050 werden daher rund 10 Millionen Menschen über 80 Jahre alt sein, mindestens die Hälfte von ihnen wird vermutlich auf Hilfe angewiesen sein. Vor diesem Hintergrund hat das Bundesministerium für Gesundheit ein neues Gesetz geplant, welches das mittlerweile veraltete Pflegesystem genauer untersucht und erneuert.

Für den Pflegebedarf sind einige Reformen angekündigt, die das altmodische System anpassen.

Noch in dieser Wahlperiode sollen daher ein neuer Pflegebedürftigkeitsbegriff und ein neues Begutachtungsverfahren eingeführt werden. Die bisher noch gültige Unterscheidung zwischen Pflegebedürftigen mit körperlichen Einschränkungen und mit kognitiven und/oder psychischen Einschränkungen soll dabei wegfallen, gestärkt wird hingegen der Unterstützungsbedarf des Einzelnen nach individuellen Ansprüchen. Die Pflegeversicherung erhält somit eine neue Basis, allerdings gehen die Leistungsverbesserungen auch mit einer Erhöhung der Beiträge von 0,2 Punkten einher. Seit dem 01. Januar 2015 ist das erste Pflegestärkungsgesetz bereits erfolgreich in Kraft getreten und hat dabei schon einige Leistungen verbessert, darunter etwa folgende:

  • Alle Leistungsbeträge der Pflegeversicherung werden um 4 Prozent angehoben.

  • Um die Pflege zuhause noch besser zu unterstützen, werden etwa 1,4 Milliarden Euro zusätzlich für die Leistungen geboten.

  • Auch die pflegenden Angehörigen sollen besser unterstützt werden, insgesamt werden daher 100 Millionen Euro für Maßnahmen wie zusätzliche niedrigschwellige Betreuungs- und Entlastungsangebote, Zuschüsse für Umbaumaßnahmen oder für den Verbrauch von bestimmten Pflegehilfsmitteln bereitgestellt. Denn wie auch ein Beitrag von Ergo Direkt erläutert, ist die ambulante Pflege in den heimischen vier Wänden auch immer eine Kostenfrage. Demnach sollen für einen deutschen Pflegedienst im Monat rund 4.500 bis 10.000 Euro an Kosten zusammenkommen, die künftig durch zusätzliche Leistungen und Zuschüsse einfacher zu bewältigen sind.

  • In den stationären Einrichtungen werden mehr Betreuungskräfte in voll- und teilstationären Pflegeeinrichtungen vorhanden sein, die Anzahl der Betreuungskräfte soll dafür von 25.000 auf bis zu 45.000 erhöht werden.

  • Neue Wohnformen werden künftig stärker unterstützt, indem der Wohngruppenzuschlag auf 205 Euro erhöht wird. Außerdem sind sogenannte Anschubfinanzierungen vorhanden, die die Gründung von ambulant betreuten Pflege-Wohngruppen erleichtern. Selbiges gilt auch für Umbaumaßnahmen, hier können Wohngruppen bis zu 16.000 Euro erhalten.

  • Der Leistungsanspruch von Versicherten, die zwar in ihrer Alltagskompetenz erheblich eingeschränkt, deren Pflegebedarf aber unterhalb der Pflegestufe I liegt, wird deutlich erweitert. Künftig können diese Versicherten daher auch Gebrauch von Leistungen der Tag- und Nachtpflege und der Kurzzeitpflege machen. Dieser Punkt bezieht sich insbesondere auf demenziell Erkrankte.

  • Während bislang nur Menschen mit einer auf Dauer erheblich eingeschränkten Alltagskompetenz einen Anspruch auf zusätzliche Betreuungs- und Entlastungsleistungen hatten, so wird sich auch dies nun grundlegend ändern: Pflegebedürftige, die beispielsweise nach einem Schlaganfall stärker körperlich eingeschränkt sind, haben nun ebenfalls einen Anspruch auf entsprechende Leistungen.

Erläutert werden die Änderungen sowie die Wichtigkeit des Pflegestärkungsgesetzes nochmals verständlich in einem Video des Bundesministeriums für Gesundheit:

https://www.youtube.com/watch?v=96Yr-RKoVY4&list=PL6W8NUmiDIpw6bDCH_b0_ks0uVy5NLp1v

Pflegegrade jetzt und in Zukunft

Bisher gibt es insgesamt drei Pflegestufen, die per Gesetz unterschieden und in die pflegebedürftige Personen eingestuft werden. Diese richten sich grundsätzlich nach dem Zeitbedarf der Pflege, aus dem sich wiederum der Leistungsanspruch der Pflegeversicherung ergibt.

  1. Pflegestufe 1: erheblich pflegebedürftig

Als erheblich pflegebedürftig gilt, wer bei der Körperpflege, der Mobilität oder der Ernährung aus einem oder mehreren Bereichen mindestens einmal täglich Hilfe benötigt und zudem mehrfach in der Woche bei hauswirtschaftlichen Abläufen unterstützt werden muss. Die Zeit für Grundpflege und hauswirtschaftliche Versorgung muss täglich mindestens 90 Minuten betragen, wobei die Grundpflege mit mindestens 45 Minuten den größeren Teil einnimmt.

  1. Pflegestufe 2: schwer pflegebedürftig

Als schwer pflegebedürftig gilt, wer bei Körperpflege, Mobilität oder Ernährung mindestens dreimal täglich zu verschiedenen Zeiten Hilfe benötigt und ebenso bei der hauswirtschaftlichen Versorgung unterstützt werden muss. Pro Tag beiträgt der Hilfebedarf auf Pflegestufe 2 mindestens 3 Stunden, wobei auf die Grundpflege mindestens 2 Stunden entfallen müssen.

  1. Pflegestufe 3: schwerst pflegebedürftig

Die dritte Pflegestufe betrifft Personen, die rund um die Uhr Unterstützung wie auch Hilfe bei der hauswirtschaftlichen Versorgung benötigen. Der Hilfebedarf beträgt mindestens 5 Stunden pro Tag, wobei die Grundpflege einen Anteil von mindestens 4 Stunden beinhalten sollte.

  1. Härtefall: Eine Ausnahme stellt der Härtefall dar, bei dem der Leistungsanspruch von normalen Pflegesätzen abweicht. Dieser Fall tritt ein, wenn ein außergewöhnlich hoher Pflegeaufwand vorliegt, der das übliche Maß der Stufe 3 deutlich überschreitet.

In Zukunft wird sich die Pflegebedürftigkeit allerdings über fünf Pflegestufen definieren. Das Ziel dieser Umstrukturierung besteht darin, eine genauere Abbildung individueller Lebens- und Gesundheitssituationen zu erhalten, damit künftig auch die Bedürfnisse besser und zielgenauer behandelt werden können. Zudem sollen dabei auch psychische und demenzielle Erkrankungen berücksichtigt werden (vor allem Demenzerkrankte wurden in der bisherigen Einstufung nicht berücksichtigt, obwohl die Erkrankungen in diesem Bereich stark angestiegen sind).

Formen der Pflege

Neben den grundlegenden Pflegestufen findet außerdem eine Unterscheidung in der letztendlichen Form der Pflege statt, wobei diese ebenfalls nach individuellem Bedarf auszuwählen ist und zum Teil auch durch die jeweilige Pflegestufe beeinflusst oder begünstigt wird. Folgende Pflegeformen werden dabei unterschieden:

Pflegeform

Details

Vollstationäre Pflege

Die Rede ist hierbei auch von der Langzeitpflege, es handelt sich also um eine dauerhafte, professionelle Rundum-Versorgung in einem speziellen Pflegeheim. Alle wichtigen Bereiche wie Mobilität, Körperpflege, Unterkunft, Verpflegung oder soziale und medizinische Betreuung werden dabei berücksichtigt.

Kurzzeitpflege

Es findet eine zeitweise stationäre Behandlung des Patienten in einem Pflegeheim statt (bis zu 28 Tage im Kalenderjahr). Voraussetzung dafür ist das Vorliegen einer Pflegestufe. Zwar ermöglichen einige Pflegeheime auch die Unterbringung ohne Pflegestufe, dann müssen die Kosten jedoch komplett privat gedeckt werden.

Tagespflege

Hierbei handelt es sich um eine teilstationäre Pflege, die teilweise im Pflegeheim und teilweise zu Hause stattfindet. Sie ist vor allem für diejenigen geeignet, die noch gut allein zurechtkommen, teilweise aber auch Unterstützung benötigen. Gerade Alltagsfähigkeiten sollen und können so erhalten werden.

Ambulante Pflege

Die Pflege des Patienten findet entweder in den eigenen Räumlichkeiten oder einem Apartment im betreuten Wohnen statt und kann sowohl durch die Angehörigen als auch durch einen ambulanten Pflegedienst durchgeführt werden. Diese Form der Pflege stellt für die meisten Patienten die angenehmste Alternative dar, da sie sich weiterhin in ihrem gewohnten Umfeld befinden und mit möglichst hoher Selbstbestimmung leben können.



In Pflegeheimen ist Hilfe dringend nötig

Das neue Pflegestärkungsgesetz ist auch deshalb so wichtig, weil sich aktuell die Nachrichten über Missstände in der Pflegebranche häufen. In vielen Pflegeheimen sieht der Alltag laut Kritikern so aus, dass die Pflegebedürftigen ein Opfer des Systems sind, häufig werden sie medikamentös ruhiggestellt, liebevolle Pflege ist hingegen die Ausnahme. Pfleger und Betreuer leiden in der Regel jedoch genauso unter den Zuständen, denn sie sind oft seelisch wie auch körperlich überlastet. Nicht zu vergessen ist außerdem die Diskussion rund um die viel zu geringe Bezahlung, die mit dieser anspruchsvollen Tätigkeit einhergeht.

Der soziale Kontakt wird in vielen Pflegeheimen häufig auf ein Minimum reduziert, worunter sowohl Patienten als auch Pfleger leiden.

Eine würdevolle oder angemessene Pflege zu organisieren, stellt sich in der Praxis als schwierig heraus. Denn auf der einen Seite sind die Bedürfnisse der Patienten wichtig, aber auf der anderen Seite richten die Heime sich nach ihren Effizienzanforderungen, um überhaupt rentabel arbeiten zu können.

Die Pfleger sind überfordert. Sie haben teilweise so viele Bewohner auf einmal zu versorgen, dass automatisch jemand auf der Strecke bleibt. Es darf nicht die Folge von Personalmangel sein, Menschen gezielt mit hohen Dosen von Psychopharmaka ruhig zu stellen.Es ist ein Problem des Systems, das sich nicht so einfach lösen lässt.“ Pflegeexperte Claus Fussek in einem Fernsehinterview mit „Volle Kanne“

Pflegenoten als Qualitätskriterium

Um die Qualität von Pflegeheimen zu verbessern, prüft der Medizinische Kontrolldienst (MDK) diese schon seit einigen Jahren anhand von Pflegenoten, die nach dem Schulprinzip aufgebaut sind. Ermittelt werden die Noten mithilfe eines Fragenkatalogs, der verschiedene Bereiche eines Pflegeheims abdeckt. Die Pflegenoten sind außerdem nach Bundesländern aufgeschlüsselt. Kritisiert wird dabei jedoch, dass die Befragung der Bewohner einerseits nicht in die Bewertung miteinfließt, andererseits werden die verschiedenen Themenaspekte nicht entsprechend ihrer Wichtigkeit ausgewertet. So sollen sich die Prüfungen weiterhin zu stark auf die Dokumentation und Konzeption beschränken, während das reale Geschehen im Hintergrund steht. Auch die mangelnde Transparenz wird bereits seit der Einführung des Modells im Jahr 2009 stark kritisiert.

Abbildung 1: pixabay.com © DarkoStojanovic (CC0 1.0)

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