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Mario Ludwig, Biologe, Buchautor und PZ-Kolumnist, hat wieder ein neues Werk mit verblüffenden Einsichten in die Tierwelt veröffentlicht. Foto: Kirsten Bohlig
Mario Ludwig, Biologe, Buchautor und PZ-Kolumnist, hat wieder ein neues Werk mit verblüffenden Einsichten in die Tierwelt veröffentlicht. Foto: Kirsten Bohlig © Kirsten Bohlig
Mit diesem Riesenzinken mag der Nasenaffe nach menschlichem Maßstab nicht schön sein, aber seine Artgenossinnen scheinen den Gesichtserker eindrucksvoll zu finden. Foto: dpa
Mit diesem Riesenzinken mag der Nasenaffe nach menschlichem Maßstab nicht schön sein, aber seine Artgenossinnen scheinen den Gesichtserker eindrucksvoll zu finden. Foto: dpa
Faltige Bockwurst mit verblüffenden Eigenschaften: Ein unterirdisch lebender Nacktmull aus Ostafrika. Foto: dpa
Faltige Bockwurst mit verblüffenden Eigenschaften: Ein unterirdisch lebender Nacktmull aus Ostafrika. Foto: dpa
04.08.2017

Neues Tierbuch von Mario Ludwig: Wo Hässlichkeit kein Makel ist

Es gibt Tage, da wünscht man sich einen deutlich kleineren Freundeskreis auf Facebook und weniger Kontakte bei WhatsApp. Alle paar Minuten ertönt ein Bling, leuchtet eine Pushmeldung auf – und alles was sich dahinter verbirgt, sind herzallerliebste Katzenvideos und putzige Hundebildchen, gerne auch garniert mit kitschigen Sinnsprüchen eines indischen Yogi oder öden Kalauern eines heimischen Küchenphilosophen. Da wird Biologe und PZ-Kolumnist Dr. Mario Ludwig zum mahnenden Leuchtturm in einem Meer kitschiger Belanglosigkeiten. Sein neues Buch „Nicht jeder kann ein Kätzchen sein“ zeigt uns, „warum in der Natur die hässlichen Tiere die Nase vorn haben“.

Flauschiges Fell, große Kulleraugen, pummelige Proportionen und tapsige Bewegungen – so taumeln und purzeln Katzenbabys in unser digitales Leben. Sooo schööön. Ein, zwei Klicks und schon flimmert das Katzenwunder allen irgendwie entfernt Bekannten aus unseren Kontaktlisten aufs Handy. Keine Chance für Katzenhasser und Hundephobiker, denn noch gibt es keinen No-Cats-No-Dogs-Button in den Filtern der sozialen Netzwerke.

Kindchenschema nennt das der Experte, wenn wir von den kindlichen Proportionen und Gesichtszügen bei Menschennachwuchs und Jungtieren gleichermaßen angezogen werden. Die Kulleraugen zum Beispiel wirken als Schlüsselreiz und lösen unser Ich-hab-dich-lieb-und-will-dich-füttern-Verhalten aus. Aber wie ist das bei den optisch eher hässlichen, nackten und an abnorm proportionierte Gruselgestalten aus der Dinosaurierzeit erinnernden Geierküken? Nein. Kein Interesse. Das sollen die komischen, öden Aasfresser selber machen.

Flotter Dreier im Geier-Horst

Das Verschlingen von Aas mag uns wenig appetitlich erscheinen, aber mit Neid wird der ein oder andere Zeitgenosse auf das Liebesleben der in Europa lebenden Bartgeier blicken. „Die großen Vögel sind nämlich – legt man menschliche Maßstäbe an – äußerst tolerant, was den Sexualpartner angeht“, schreibt PZ-Kolumnist Mario Ludwig in seinem neuen, bei Bastei Lübbe verlegten Buch „Nicht jeder kann ein Kätzchen sein“. Rund ein Drittel aller Bartgeier-Beziehungen entpuppt sich als Ménage à trois. Zwei Männchen teilen sich ein Weibchen und bauen nebenher gerne auch einmal eine homosexuelle Beziehung auf. Die Aasfresser scheinen ganz schön viel Spaß in ihrem Horst zu haben.

Ludwig kennt noch unendlich viele solcher tierischen Erfolgsgeschichten, in denen nach unseren Maßstäben gewertete Hässlichkeiten sich als unerwartete Wunder der Tierwelt entpuppen. „Nicht alle Tiere besitzen die imponierende Eleganz eines Königstigers oder die Majestät eines Steinadlers“, schreibt Ludwig. Manches wirkt ekelhaft, wenn sich etwa afrikanische Marabus ihre Vogelbeine einkoten – um sich Kühlung zu verschaffen. Jenseits vom edlen Tiger-Adler-Superimage warten zum Beispiel Nacktmulle, die sich wie eine schrumpelige, vierbeinige Bockwurst durch ihre unterirdischen Gänge quälen, mit sensationellen Eigenschaften auf. „Nacktmulle sind völlig schmerzunempfindlich, sie bekommen keinen Krebs und können ihre Nagezähne einzeln bewegen“, notiert Mario Ludwig. Ähnlich wie bei den Bartgeiern hält sich hier die massiv ihre Untertanen mobbende Königin einen männlichen Harem.

Genüsslich und immer mit einem Augenzwinkern breitet Ludwig in seinem Buch die Skurrilität der tierischen C-Promis aus. Was wir als hässlich abtun, als minderwertig oder langweilig werten, was wir nie mit einem Like bei Facebook honorieren würden, weil keinem (Sinn-)Sprücheklopfer etwas Bedeutungsschwangeres dazu einfallen würde, das zeigt uns der Karlsruher Biologe in einem neuen Licht. Und bei allem Respekt des Fauna-Experten vor der tierischen Leistung, lesen sich die einzelnen Kapitel doch sehr kurzweilig. Da hat man permanent das sympathische Schmunzeln des Buchautors vor Augen, der schon dreimal im PZ-Forum aufgetreten und bundesweit Dauergast in TV-Talkshows und Radiosendungen ist.

Michelinmännchen und Riesennasen

So staunt man von Kapitel zu Kapitel immer mehr darüber, dass Hässlichkeit kein Makel sein muss, dass das Leben eines winzigen Bärtierchens, das wie ein mit Anabolika aufgepumptes Michelinmännchen anmutet, unter extremsten Bedingungen funktionieren kann. Dass Tigerschnegel-Schnecken, deren rasches Aussterben sich alle Hobbygärtner herbeisehnen, Liebeskünstler sind, die sich in luftiger Höhe an einem Schleimfaden hängend paaren. Und man sollte auch nicht über die Abnormität der in Borneo lebenden Nasenaffen-Männchen (Ludwig: „Als hätte man Pinocchio mit dem französischen Schauspieler Gerard Depardieu gekreuzt“) lachen, denn hier stimmt was der Volksmund fälschlicherweise auf Menschen überträgt. „Je größer die Nase eines Nasenaffenmannes ist, desto besser sind seine Chancen bei der Damenwelt“, berichtet Ludwig.

INFO:

„Nicht jeder kann ein Kätzchen sein - warum in der Natur die hässlichen Tiere die Nase vorn haben“ ist im Verlag Bastei Lübbe erschienen. Taschenbuch, 10 Euro, 192 Seiten, ISBN-10: 3404609506