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Stents aus Nitinol sind das Kerngeschäft von Admedes Schuessler.
Stents aus Nitinol sind das Kerngeschäft von Admedes Schuessler.

Präzisionsarbeit auf kleinstem Raum: Die Stents von Admedes Schuessler erhalten feine lasergeschnittene Strukturen.
 
Präzisionsarbeit auf kleinstem Raum: Die Stents von Admedes Schuessler erhalten feine lasergeschnittene Strukturen.  
14.12.2011

Nitinol hat die Medizintechnik revolutioniert

Es gibt eine Unternehmer-Vision in der Region Nordschwarzwald. Sie lautet: Die in Deutschland reichlich vorhandenen Expertenkenntnisse sowie die herausragende klinische Forschung sollen insbesondere in dem Wachstumsgebiet der Medizintechnik zusammengeführt werden.

Dr. Andreas Schüßler und Ehefrau Kirsi Schüßler haben diese Vision. In Pforzheim schickt sich das Unternehmer-Paar an, seine Vorstellungen in die Tat umzusetzen.

Die Goldstadt sowie der sie umschließende Landkreis Enzkreis haben sich zu einem starken Standort für medizintechnische Unternehmen entwickelt. Begründet ist dies unter anderem durch die hier ansässige Schmuckindustrie. In der vor mehr als zwei Jahrzehnten beginnenden Strukturkrise mussten sich die „Schmuckler“ – wie die Firmen der Branche liebevoll bezeichnet wurden – auf neue Geschäftsfelder konzentrieren. Feinwerktechniker, Maschinenbauer, Uhrenzulieferer und andere hatten mit einem Mal neue Kunden zu bedienen: neben der Automobilindustrie und der Dentalbranche die Medizintechnik. Die Umstellung auf die qualitativ hohen Anforderungen der Medizintechnik an feinste Handarbeit und industrielle Miniaturisierung waren für die Betriebe kein Problem, weil es zu einem großen Teil ohnehin ihr Metier im Schmuckbereich war.

Mit der Admedes Schuessler GmbH (Andreas Schüßler ist dort Geschäftsführer) hat ein Weltmarktführer für selbstexpandierbare Stent­komponenten (Stent ist eine Gefäßstütze) seinen Sitz in der Goldstadt. Daneben gibt es die G. Rau GmbH & Co. KG (Pforzheim) sowie die Vascotube GmbH (Birkenfeld) als führende Unternehmen bei medizinischem Halbzeug. Gemeinsam mit der 2006 gegründeten Firma Acandis (Gesellschafter: Kirsi und Andreas Schüßler) können im Raum Pforzheim somit große Synergieeffekte im Bereich der Medizintechnik erzielt werden.

Unter den vorgenannten Firmen hat G. Rau die längste Tradition. 1877 hat dort alles mit der Produktion von Werkstoffen für die Schmuckindustrie begonnen, dazu zählte auch das berühmte Doublé-Gold (Goldschicht auf Messing). Inzwischen hat das Unternehmen einen bahnbrechenden Erfolg erzielt, der durch die langjährige Kompetenz im Umgang mit Metallen begründet ist. Es geht um den sagenhaften Werkstoff namens Nitinol. Seit über 50 Jahren bekannt, wurden seine beinahe magischen Eigenschaften erst spät entdeckt. Nitinol besteht jeweils zur Hälfte aus Titan und aus Nickel.

Der Werkstoff hat ein Gedächtnis und ist zehnmal flexibler als Stahl. Er ändert seine Eigenschaften in Abhängigkeit der jeweiligen Temperatur. Bei Erwärmung „erinnert“ sich die Legierung an ihre ursprüngliche Form und nimmt diese wieder an. Die Superelastizität hat die Medizintechnik revolutioniert: Implantate wie Gefäßstützen, Herzklappen, Blutfilter und medizinische Instrumente werden daraus gefertigt. Vereinfacht dargestellt bedeutet dies in der Praxis: Die Endform eines Nitinol-Implantats wird bei normal warmer Temperatur bestimmt. Dann wird das Teil stark abgekühlt und hernach derart kleingepresst, dass es mühelos in das jeweilige Gefäß eingeführt werden kann. Durch den Körper des Patienten wird das Implantat erwärmt. Nitinol erinnert sich an die vorgegebene Form und entfaltet sich in seine ursprüngliche Größe. Einsatz finden Nitinol-Produkte in der minimal-invasiven Chirurgie sowie wie in der Orthopädie. G. Rau war 1992 weltweit der erste Hersteller von medizinischen Nitinol-Rohren, heute werden 85 Prozent des weltweiten Bedarfs für selbstexpandierende Gefäßstützen (Stents) mit Formgedächtnis von der Pforzheimer Rau-Gruppe hergestellt.

Auch der 1996 gegründete Medizintechnik-Spezialist Admedes Schuessler gehört dazu. Und mit dem Neubau der Acandis GmbH & Co. KG hat sich ein weiteres Hightech-Unternehmen in der Goldstadt auf Dauer niedergelassen. Die Acandis-Produkte werden unter anderem zur Behandlung von Schlaganfall-Patienten eingesetzt. Beispielsweise führen Ärzte die kleinen Röhrchen (Stents) in die Gefäße ein, um sie offenzuhalten.

Laut Acandis-Gesellschafter Andreas Schüßler gibt es im Raum Pforzheim mit dem derzeitigen Firmenbestand „eine auf der Welt einmalige Dichte an Kompetenzen für den Formgedächtnis-Werkstoff Nitinol“. Acandis ist auf Entwicklung und den Vertrieb spezialisiert. Das Unternehmen hat derzeit nach eigenen Angaben zwei Produkte am Markt: Den sogenannten neurovaskulären Stent, eine technische Hilfe zur Behandlung bei Gehirnblutungen sowie den „Clot Retriever“, ein technisches Hilfsmittel zur Behandlung bei akutem Hirninfarkt.

Professor Gerhard Schroth (ein gebürtiger Calwer) ist Leiter der Interventionellen Neuroradiologie am Inselspital Bern. Deutschland und die Schweiz, so Schroth, seien führende Länder in der Schlaganfallbehandlung. Er hob die besondere Bedeutung von miniaturisierten Behandlungssystemen hervor, bei denen Produkte wie jene von Acandis zur Verbesserung der Ergebnisse beitragen würden. Im Übrigen sprach der Professor aus Bern von einem wachsenden Bedarf. Grund sei die demografische Veränderung in der Gesellschaft, hin zu einem hohen Anteil älterer Menschen: „Allein in Deutschland rechnet man bis 2050 mit einer Zunahme der Schlaganfallpatienten um 68 Prozent.“ Nach Angaben der Apotheken-Rundschau ist Schlaganfall weltweit die zweithäufigste Todesursache. Allein in Deutschland seien derzeit pro Jahr rund 200000 Menschen betroffen, 85 Prozent davon durch Hirninfarkt, 15 Prozent durch Hirnblutung.

Professor Martin Schumacher vom Universitätsklinikum Freiburg begleitet die Pforzheimer Acandis-Entwicklung bereits seit 2008 als Leiter des wissenschaftlichen Beirats. Schumacher gilt als Pionier bei der interventionellen Aneurysmenbehandlung – also Diagnose- oder Therapieverfahren, bei denen die krankhafte Gefäßerweiterung durch einen gezielten Eingriff in das betroffene Gewebe vorgenommen wird. Der Freiburger Professor begrüßte es, dass ein deutsches Unternehmen mit seinen Produkten die Fortschritte in der Schlaganfall- und Gefäß-Behandlung mit vorantreibt. „Davon brauchen wir mehr.“

 

www.acandis.com

www.admedes.com

www.g-rau.de