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Viele Touristen schützten sich in der der Kathedrale Notre-Dame nach dem Angriff auf einen Polizisten vor dem Gotteshaus
Viele Touristen schützten sich in der der Kathedrale Notre-Dame nach dem Angriff auf einen Polizisten vor dem Gotteshaus. Foto: Nancy Soderberg
06.06.2017

Notre-Dame wird bei Terror zum Zufluchtsort

Paris (dpa) - Im Herzen von Paris heulen wieder die Polizeisirenen. Ein Anti-Terror-Einsatz läuft. Das Viertel um die Kathedrale Notre-Dame ist an diesem stürmischen und regnerischen Tag weiträumig abgesperrt.Die Kontrollen sind strikt: Auch Anwohner und Gäste von Hotels dürfen nicht durch. Vor dem Gotteshaus, das jedes Jahr von etwa 13 Millionen Menschen besucht wird, hat ein Mann gegen 16.20 Uhr einen Polizisten mit einem Hammer attackiert und dabei «Das ist für Syrien» gerufen. Ein Beamter schießt auf den Angreifer und verletzt ihn.

Viele Besucher der Kathedrale im gotischen Stil und des historischen Stadtviertels auf der von der Seine umschlossenen Île de la Cité wissen zur Tatzeit nicht genau, was passiert. «Ich hörte einen Knall, ich dachte, es sei ein Gewitter», berichtet Joe Ann Paulus aus dem US-Bundesstaat Georgia mit ruhiger Stimme. Sie ist für einen Tag in die französische Hauptstadt gekommen.

«Ich hielt mich am Eingang der Kirche auf. Polizisten riefen: «Bewegen Sie sich, bewegen Sie sich!» Die Menschen seien in die Kirche geflüchtet. Es habe aber keine Panik gegeben. «Sie waren wunderbar», bilanziert die ältere Frau mit Blick auf die Ordnungshüter.

Bis zu 1000 Menschen finden in der Kirche Zuflucht. Unter ihnen sind auch Lukas und Slawomir, die aus Polen stammen und mit ihren Familien im nordrhein-westfälischen Bochum leben. Fast zwei Stunden harren sie in dem Gotteshaus aus.

«Zuerst sind die Leute hin- und hergelaufen. Dann musste sich jeder setzen. Viele haben gebetet», erzählen sie. Dann durften die ersten die Kathedrale verlassen. Familien mit Kindern hatten Vorrang. Auch sie sind als Tagestouristen gekommen, da die Kinder keine Schule haben. Haben sie schon einmal eine solche Situation erlebt? «Nein», antwortet ein Mädchen. Sie habe bisher nur davon gehört.

Der Angreifer war offensichtlich alleine unterwegs, berichtet später Innenminister Gérard Collomb. Der mutmaßliche Täter habe sich als algerischer Student ausgegeben. Neben dem Hammer habe er auch mehrere Küchenmesser bei sich gehabt. Der Mann habe sich als «Soldat des Kalifats» der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bezeichnet, ergänzt die Nachrichtenagentur AFP.

Der Mann näherte sich bei dem Angriff einer Polizeipatrouille und schlug auf einen der drei Beamten ein. Ein weiterer Polizist griff dann zur Waffe. Der attackierte Polizist erlitt keine schlimmen Verletzungen.

Der Zwischenfall, bei dem möglicherweise Schlimmeres verhindert wurde, trifft Frankreich zu einem delikaten Zeitpunkt. In wenigen Tagen wird wieder gewählt; am Sonntag steht die erste Runde der Parlamentswahl auf dem Programm. Drei Tage zuvor hatten islamistische Gewalttäter in London sieben Menschen getötet und knapp 50 verletzt.

Für den neugewählten französischen Staatschef Emmanuel Macron sei der Kampf gegen den Terrorismus die «Priorität Nummer eins», resümiert Minister Collomb. Die Ausnahmezustand, der im Zuge der schlimmen, seit zweieinhalb Jahren dauernden Terrorserie verhängt wurde, dürfte im Sommer erneut verlängert werden.