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Erstsemester-Studenten sitzen bei einer Begrüßungsveranstaltung im Audimax der Leibniz-Universität Hannover. Foto: Julia
Erstsemester-Studenten sitzen bei einer Begrüßungsveranstaltung im Audimax der Leibniz-Universität Hannover. Foto: Julian Stratenschulte/Archiv
23.02.2017

Nur noch Deutschland bietet gebührenfreie Hochschulbildung

Hamburg/Gütersloh/Berlin (dpa) - Private, gewinnorientierte Hochschulen und Universitäten mit teils saftigen Studiengebühren sind nach einer neuen Studie weltweit im Aufwind.«Deutschland ist das einzige Land, in dem die Politik noch immer an einer beitragsfreien öffentlichen Hochschulbildung für nahezu alle Studierenden festhält», heißt es in dem Vergleichsreport für 13 Staaten im Auftrag der Körber-Stiftung (Hamburg).

Die Studie einer US-Wissenschaftlergruppe («Antworten auf die Massifizierung») analysiert allerdings nur Trends der Hochschul- und Berufsbildungssysteme in überwiegend großen Staaten. Neben zehn G20-Ländern (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Brasilien, Indien, Russland, Japan, Australien, China, USA) liefert sie Daten zu Ägypten, Ghana und Chile - jedoch nicht zu anderen europäischen Ländern, die an staatlichen Hochschulen ohne Studiengebühren auskommen. «Gebührenfreie Hochschulbildung ist kein Auslaufmodell», folgerte daher die stellvertretende DGB-Chefin Elke Hannack.

Der Privathochschulsektor boomt laut Körber-Report «vor allem in den Ländern, in denen es nicht gelingt, die Nachfrage durch öffentliche Hochschulen und andere staatliche Bildungseinrichtungen zu decken. Private Anbieter füllen die Lücken schnell. Die Qualität und der Nutzen ihrer Angebote variieren dabei stark.» In Folge dieser Entwicklung schwinde der staatliche Einfluss.

«In den meisten Fällen haben sich die Regierungen von einer Politik, die auf die Steuerung der Immatrikulationen und der Bildungschancen ausgelegt war, wieder verabschiedet und Marktkräften und internationalen Trends nachgegeben», sagte Philip Altbach vom Boston College als Leiter der Studie. So hätten Ägypten und Russland «die Trennlinie zwischen öffentlichem und privatem Bildungssektor verwischt, indem sie den öffentlichen Hochschulen gestatten, zusätzlich zu ihren subventionierten Studienplätzen Plätze für gebührenzahlende Studierende zu schaffen».

Dem Report zufolge ist der Zugang zur Hochschulbildung meist nicht mehr Privileg einer sozialen Elite - vielmehr studierten «in vielen Ländern über die Hälfte eines Jahrgangs», auch in Deutschland. Auf der anderen Seite seien in Indien über 35 Millionen Studierende immatrikuliert, nur etwa ein Viertel der 18- bis 24-Jährigen des riesigen Landes.

Nach einer Studie des zur Bertelsmann-Stiftung gehörenden Centrums für Hochschulentwicklung (CHE/Gütersloh) gelingt es dem aufstrebenden privaten Hochschulsektor in Deutschland inzwischen «besonders gut, neue Zielgruppen unter den Studierenden anzusprechen». Entscheidend seien «individuelle Service- und Studienangebote, kombiniert mit hoher Relevanz für die spätere Berufspraxis der Absolvent(inn)en».

Potenzielle «Kunden» von Privat-Unis sind laut CHE Studierende mit Kindern, mit bereits abgeschlossener Ausbildung oder berufsbegleitend Studierende. «Bei der Adressierung dieser neuen Zielgruppen sind die privaten Hochschulen in Deutschland spürbar erfolgreicher als die staatlichen Institutionen», so das Fazit. Ulrich Müller, Leiter politische Analysen beim CHE: «Studierende sind sensibel dafür, ob sie als Belastung für die Hochschulbeschäftigten empfunden oder mit offenen Armen empfangen werden.»

Nach den bislang jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes wurden an Privathochschulen 2015 gut 196 000 Studierende gezählt - also immer noch nur ein Bruchteil von insgesamt rund 2,7 Millionen. Die Steigerungsrate war aber erheblich: Zwanzig Jahre zuvor gab es nur 16 000, vor zehn Jahren erst 54 000 Studierende an den privaten Unis.