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Organisierte Kriminalität: ein Milliardengeschäft. - Symbolbild
Organisierte Kriminalität: ein Milliardengeschäft © dpa
29.09.2014

Organisierte Kriminalität steckt viel Geld in legale Wirtschaft

Drogenhandel und gefälschte Markenprodukte: Die Organisierte Kriminalität erwirtschaftet in Europa laut einer Studie jährlich Milliardenbeträge und steckt ihre Gewinne zum Teil in die legale Wirtschaft.

Die gesamten Umsätze aus europaweiten kriminellen Geschäften werden demzufolge auf etwa 100 Milliarden Euro geschätzt. Zu diesem vorläufigen Ergebnis kommt eine Studie der Katholischen Universität vom Heiligen Herzen in Mailand, die am Montag der EU-Kommission in Brüssel vorgestellt werden sollte. Demnach gibt es auch in Deutschland klare Nachweise für kriminelle Aktivitäten. Die Studie wurde von der EU-Kommission mitfinanziert.

«Allein der Markt für gefälschte Artikel umfasst etwa 42 Milliarden Euro», sagte Prof. Michele Riccardi, Forscher des in der Studie federführenden «Transcrime»-Institus, der Nachrichtenagentur dpa. Hinzu kämen europaweit unter anderem 8,5 Milliarden Euro aus dem Heroinhandel, 6,8 Milliarden Euro aus dem Handel mit Kokain und 6,7 Milliarden Euro aus dem Verkauf von Cannabis.

Für Deutschland listet die Studie derzeit nur nicht-repräsentative Schätzungen auf. Demnach könnten die jährlichen Umsätze aus dem Geschäft mit illegalen Drogen bei etwa 3,5 Milliarden Euro und 1,8 Milliarden Euro aus dem Schmuggel von Tabakprodukten liegen.

Wie aus der Studie außerdem hervorgeht, fließen Gewinne der Organisierten Kriminalität auch in die legalen Märkte. «Europaweit sehr gut zu belegen ist der Einfluss auf die Gastronomie, das Baugewerbe, den Lebensmittelhandel und das Transportwesen», sagte Riccardi. In Deutschland fänden sich Hinweise darauf, dass die kalabresische 'Ndrangheta in Restaurants und Catering-Betriebe investiere - ebenso wie die sizilianische Cosa Nostra, die daneben auch im Baugewerbe und bei Bekleidungsläden auffällig werde.

Köln, Stuttgart und Duisburg sind laut Riccardi zu starken Standorten der italienischen Mafia-Gruppen geworden. In Berlin und Umgebung gebe es Hinweise für Investments von russischen Gruppen in Immobilien- und Grundstücksgeschäfte. Diese Gruppen seien in Deutschland auch im Restaurant- und Hotelgewerbe aktiv. Die Sicherheitsbranche sei von Rockergruppen beeinflusst.

Die Studienergebnisse stützen damit auch bisherige Erkenntnisse deutscher Ermittler. Die von den Mailänder Forschern angegebene Schätzung des Marktes für Produktfälschungen sei beängstigend und noch höher als erwartet, sagte Sebastian Fiedler, stellvertretender Bundesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), der Nachrichtenagentur dpa. «Ich halte die Zahlen aber alles in allem für eine sehr konservative Schätzung.» Man müsse den Bereich der Steuerkriminalität in die Schätzungen einbeziehen, weil dort die Organisierte Kriminalität ebenfalls besonders aktiv sei.

Der BDK setzt sich schon seit längerem dafür ein, dass eine Bundesaufsichtsbehörde zur Überwachung des Geldwäschegesetzes außerhalb des Finanzsektors geschaffen wird. Dafür fehle aber bislang die politische Initiative, so Fiedler. Deutschland wurde bereits von zahlreichen Experten sowie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wegen vermeintlicher Defizite im Kampf gegen Geldwäsche und Organisierte Kriminalität kritisiert. Die Bundesregierung hatte vor einigen Monaten schärfere Vorschriften gegen Geldwäsche auf den Weg gebracht. «Das reicht aber nicht aus - es fehlt an einer Gesamtstrategie», sagte Fiedler.

Europaweit sind laut der Studie vor allem große städtische Regionen wie Madrid, London, Paris und Berlin von kriminellen Investments betroffen. Viele Hinweise fanden sich auch für Süditalien und die Lombardei, Andalusien, die Provence und die Adriaküste.

Die Ergebnisse der Studie sollen Politik, Ermittlern und Behörden ermöglichen, die Organisierte Kriminalität besser zu verhindern und zu bekämpfen. Abschließende Ergebnisse werden für Ende November erwartet.