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Oscar Pistorius © dpa
24.02.2014

Oscar Pistorius kämpft um seine Freiheit

Pretoria. Oscar Pistorius hat das Jahr seit den tödlichen Schüssen auf seine Freundin in Freiheit verbringen dürfen. Eine Kaution machte das möglich. Er nutzte dies für manche Vergnügungen - selbst wenn er kürzlich betonte, wie schrecklich ihn «tiefe Trauer» und «seelische Pein» belasteten.

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Der behinderte Sportstar wurde an den Stränden Mosambiks und des Westkaps gesehen, zuweilen in Restaurants und Bars in Johannesburg, öfters auf dem Sportplatz. Die meiste Zeit verbrachte der 27-Jährige im Luxus-Domizil seines Onkels in Pretoria. Ab Montag (3.März) aber wird der «blade runner» darum kämpfen müssen, dass er nicht für Jahrzehnte im Gefängnis landet.

In Pretoria beginnt ein spektakulärer Indizienprozess, der manche Parallelen zum Fall des Ex-Footballstars O.J. Simpson in Kalifornien hat. Die Ingredenzien sind ähnlich: Ein Sportidol unter schrecklichem Verdacht, viele belastende Indizien, ehrgeizige Staranwälte, Spin-Doktoren für eine extrem interessierte Öffentlichkeit und schließlich ein Prozess, der viele an TV-Realityshows oder Seifenopern erinnerte. Simpson wurde 1995 vom Vorwurf des Mordes an seiner Ex-Frau freigesprochen - bis heute glauben viele Amerikaner an ein Fehlurteil.

Südafrika steht nun vor dem Aufsehen erregendsten Prozess seiner Geschichte. Mehr als 300 Journalisten aus aller Welt haben sich zu dem Drama um den gefallenen Helden angemeldet. Mehrere TV- und Radiosender wollen den Prozess live übertragen. Der Kabelanbieter Multi-Choice möchte auf einem eigens geschaffenen Pistorius-Kanal ab dem 2. März rund um die Uhr über den Fall berichten. «Die Bühne ist bereitet für den Pistorius-Zirkus», schrieb die «Times».

Zunächst sind drei Sitzungswochen angesetzt, aber es ist fraglich, ob das angesichts von allein 107 Zeugen der Anklage reicht. Letztendlich wird alles vom Urteil einer Richterin abhängen. Geschworene kennt Südafrikas Rechtssystem nicht. Richterin Thokozile Masipa (66) muss wie in einem Thriller das verwirrende Geflecht von Aussagen, Beweisen, Indizien und Analysen entwirren und gewichten - nicht um den Täter zu finden, sondern um die Tat zu verstehen.

Für Pistorius spricht, dass er von Anfang an von einer tragischen Verkettung unglücklicher Umstände sprach. Spät in der Nacht habe er in seinem Haus Geräusche gehört und einen Eindringling vermutet. Im Kopf die traurige Realität Südafrikas mit seiner beängstigenden Gewaltkultur sei er in Panik geraten und habe durch die verschlossene Toilettentür geschossen. Die Polizei musste nach ersten Ermittlungen zugeben, keine klaren Beweise für einen Mord gefunden zu haben. Inzwischen scheint auch klar, dass Pistorius, wie von ihm behauptet, nur auf seinen Beinstümpfen zum Bad gestürmt ist - was bestätigen könnte, dass er wie behauptet in Panik war.

Manches scheint aber gegen den Athleten zu sprechen, der trotz Behinderung mit Karbon-Prothesen bei Olympischen Spielen 2012 mit den Schnellsten der Welt konkurrierte. Selbst Juristen verweisen auf den «gesunden Menschenverstand»: Wenn jemand nachts verdächtige Geräusche hört, kontrolliert er nicht als erstes, ob es die Frau oder Freundin sein könnte? Sollte sich Pistorius beim Verlassen des Bettes nicht vergewissert haben, ob Steenkamp da war oder nicht? Es wird im Prozess auch um seine Glaubwürdigkeit gehen.

Zudem schildert der 27-Jährige das Verhältnis zu der «Liebe seines Lebens» als glücklich und harmonisch. Der Staatsanwalt glaubt aber, dass es Streit und Eifersuchtsszenen gegeben hat. Zudem stehe Pistorius im Ruf eines jähzornigen Waffennarrs. Pistorius sei nicht Opfer einer entsetzlichen Fehleinschätzung, sondern habe geplant und wissentlich gehandelt, so die Anklage.

Der Fall des nationalen Idols bewegt die Südafrikaner zutiefst. Manche aber haben ihn schon abgeschrieben. Die Frauenliga der Regierungspartei ANC sieht einen Fall von Gewalt gegen Frauen und forderte eine harte Bestrafung von Pistorius. In einem Rechtsstaat «absolut unakzeptabel», wertete Prof. Kelly Phelps von der Universität Kapstadt diese Vorverurteilung.

Der Prozess berührt viele sensible Themen Südafrikas, wo erst vor 20 Jahren das rassistische Apartheid-System abgeschafft wurde. Viele meinen, Pistorius werde «mit Samthandschuhen angefasst, weil er ein privilegierter, reicher, weißer Südafrikaner ist», so die Kolumnistin Rapule Tabane. Manche fürchten, dass das weltweite Medienspektakel um Pistorius dem Ansehen Südafrikas schaden könnte. Schließlich werde auch immer wieder die Inkompetenz von Behörden und die schreckliche Alltagsgewalt zur Sprache kommen.

Aber das Schicksal des gefallenen Volkshelden bewegt die Menschen auch weltweit, schließlich war der Sportler mit seiner Disziplin und Entschlossenheit, seine Behinderung zu überwinden, Inspiration und Vorbild für Millionen. Das US-Magazin «Time» zählte ihn 2012 zu den 100 einflussreichsten Menschen in der Welt.

«Er ist der wichtigste Athlet des 21. Jahrhunderts, und deshalb bedeutet der Fall dieses Idols, dass unsere Gesellschaft ein wenig länger an Vorurteilen leiden wird», schrieb der englische Ethik-Professor Andy Mish in der «Huffington Post». Pistorius habe es geschafft, «das Verständnis von Behinderung» nachhaltig zu verändern, die Tür zu einer Welt aufzustoßen, «in der Behinderung nicht mehr zählt». Er hoffe, Pistorius könne rehabilitiert werden, schreibt Mish. Sonst drohe eine «schlechtere Welt».