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06.12.2016

PISA-Chef: «Zweite Raketenstufe hat nicht gezündet»

Berlin (dpa) - Die sechste PISA-Studie sieht Deutschland trotz teilweise schwächerer Kompetenzdaten für seine 15-Jährigen weiterhin im oberen Drittel der gut 70 Teilnehmerländer.Die Deutsche Presse-Agentur in Berlin hat mit Andreas Schleicher, dem PISA-Chefkoordinator bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), über Erkenntnisse aus dem Vergleichstest für weltweit gut 500 000 Schüler gesprochen.

Frage: Knapp zusammengefasst: Welche Hinweise gibt «PISA 2015» der deutschen Bildungspolitik?

Antwort: Ich will die Erfolge der vergangenen Jahre nicht kleinreden, aber das Land muss seinen Reformstau überwinden. Die Aufwärtsdynamik ist zum Erliegen gekommen, die zweite Raketenstufe hat in Deutschland nicht gezündet. Hierzulande wurden die Strukturen für Bildung verbessert, aber in den Schulen sieht es oft noch genauso aus wie 2006.

Frage: Was ist passiert? Oder besser: Was ist nicht passiert?

Antwort: Die Unterstützungssysteme, auch die Position des Lehrers als Einzelkämpfer im Klassenzimmer, die Kreativität im Unterricht - all das blieb unverändert, weil das Bildungssystem weiterhin sehr altmodisch ist. Das Ergebnis: Wo Deutschland sich einbildet, gut zu sein, sind große Lücken. Fach- und Paukwissen verliert an Bedeutung - Google weiß schon alles. Die Welt belohnt uns dafür, was wir mit dem Fachwissen am Ende anstellen.

Frage: Was hat Deutschland bei seinen Reformen falsch gemacht?

Antwort: Es gibt hier eine ständige Bewegung im System, die aber nicht zielgerichtet ist. Und die Beteiligung von Praktikern wie Lehrern und Schulleitern am Design von Reformen ist zu gering. Ein solcher Dialog ist jedoch für die Umsetzung ganz entscheidend. Mit 4,2 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt gibt Deutschland auch nicht wirklich viel für Bildung aus - bei den Reparaturausgaben dann wieder eine Menge. Oft wurde in kleinere Klassen investiert statt in bessere Lehrer. Ja, Deutschland ist leider ein Beispiel dafür, wie mehr Geld für Bildung eigentlich eher wenig bringt. Das Gießkannenprinzip war ineffizient.

Frage: Wie steht Deutschland bei der sozialen Durchlässigkeit seines Bildungssystems nach 15 Jahren PISA da?

Antwort: Immer noch nicht wirklich gut. Bei der Kluft zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen liegt Deutschland jetzt im OECD-Mittelfeld. Vor 15 Jahren waren diese Disparitäten mit die größten unter den OECD-Staaten. Am unteren Ende des Leistungsspektrums hat sich etwas verändert, das auch nachhaltig ist. Frühere und individuellere Förderung, Ganztagsschule, verbindliche Bildungsstandards - das war wirklich wichtig. Die entsprechende Varianz, der Zusammenhang von Sozialstatus und Bildungserfolg, ist etwas gesunken.

Frage: Und wer macht es in dieser Hinsicht besser als wir?

Antwort: Zum Beispiel Vietnam ist da vorbildlich. Viele wachsen dort in den ärmsten Verhältnissen auf und können sich dennoch sehr häufig mit Schülern aus Deutschland messen. Früher gab es dort kein gutes Schulsystem, heute besteht ein hohes Maß an Bildungsmobilität. Das heißt: Der Einsatz von Eltern für Bildungserfolge ihrer Kinder ist in Vietnam groß. Die Kehrseite: Es gibt wenig Toleranz für Misserfolge, Lehrer stehen unter viel höherem Druck, dass ein ihnen anvertrautes Kind in der Schule erfolgreich ist. Es gilt: Enorme Leistungsanforderungen an die Schüler - auf der anderen Seite starke Unterstützung. 

Frage: Wie gerecht ist heute das deutsche Schulsystem?

Antwort: Die soziale Segregation bleibt ein Thema. Das ist auch eine Frage des Schulsystems - mit Hauptschulen als Auffangbecken, inklusive aller sozialer Nachteile. Um es in PISA-Punkten auszudrücken: Zwischen Schülern des oberen Viertels und denen des unteren gibt es einen Unterschied von 144 Leistungspunkten - etwa 30 entsprechen dem Lernerfolg von vier Schuljahren. Schüler aus schwierigem Umfeld haben es in Deutschland weiter schwer, aus einer Abwärtsspirale herauszukommen. Hier hat ein solches Kind eine Chance von 34 Prozent, in die Leistungsspitze aufzurücken - in Hongkong oder Vietnam sind es 50 bis 80 Prozent.

Frage: Welche Rückschlüsse lässt «PISA 2015» für den Umgang mit «Migrationsschülern» zu?

Antwort: Der schwierige soziale Hintergrund vieler Migranten wird zum Teil aufgewogen durch erhöhten Bildungsehrgeiz dieser Kinder und Eltern. Da ist enorm viel Potenzial. Der größte Fehler ist, die Leistungsanforderungen für Schüler mit Migrationshintergrund erst einmal herunterzuschrauben. Das tut Deutschland immer noch systematisch. In einer Großregion wie Shanghai ist das völlig anders. Aber auch für ein Einwanderungsland wie Kanada gilt: hohe Erwartungen, zugleich intensive Unterstützung. Solche Integration muss man heute auch in Deutschland von jedem Lehrer erwarten - das ist nicht die Aufgabe von Schulpsychologen.

Frage: Wie sieht es in Deutschland laut «PISA 2015» mit dem Bildungserfolg von Mädchen und Jungen aus?

Antwort: Die Unterschiede sind im oberen Leistungsbereich sehr groß. Da kommen die meisten Mädchen einfach nicht hin. Das spiegelt sich auch in Einstellungen wider. Uns hat erstaunt, wie unterschiedlich der Wert von Naturwissenschaften gesehen wird. Für Mädchen ist das ein Schulfach - man lernt, um gute Noten zu kriegen. Aber eine Lebens- oder Karriereperspektive? Fehlanzeige. Doch auch unsere Jungen begeistern sich im Gegensatz etwa zu Amerikanern selten dafür. Also: In Deutschland sehen viele Schüler Naturwissenschaften und Mathe als Paukfächer, aber nicht als Thema, das ihr Leben verändern kann.

Frage: Noch ein paar Worte zum PISA-Testsieger Singapur?

Antwort: Nur soviel: Dort hat jeder Lehrer etwa 100 Stunden Weiterbildung pro Jahr. Jede Schule unterhält professionelle Arbeitsgruppen, in denen Lehrer ihren Unterricht gemeinsam vor- und nachbereiten. Der Blick über den Tellerrand, in fremde Klassen, ist üblich. Es gibt viel Kreativität und Neugier dank eines modernen Unterrichts. Und pädagogische Forschung findet nicht nur an der Universität statt, sondern in den Schulen.

Zur Person: Andreas Schleicher (52), Bildungsforscher bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), ist für viele «der PISA-Papst». Als Chefkoordinator leitet er seit vielen Jahren von Paris aus das Testprogramm.