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PZ-zapp: Im "Tatort: Das Nest" kommt das Grauen im Mantel des Biederen daher

Selten einmal gibt es ein spontanes Feedback auf eine „PZ-zapp“-Kritik, bevor sie geschrieben wird. Am Sonntagabend erreichten mich kurz nach 21.45 Uhr gleich zwei WhatsApp-Meldungen von Kollegen. „Totaler Schwachsinn“ auf der einen und „echt gruselig“ auf der anderen Seite. Richtig ist, dass echte Polizeiarbeit so nicht funktioniert, dass echte Polizisten wohl nicht so ticken und reagieren, wie im „Tatort: Das Nest“ aus Dresden. Richtig ist aber auch, dass diese Serienkillerjagd durchaus hohe Thrillerspannung besitzt und die junge Kollegin, die erstmals einen „Tatort“ sah, abends nach Dienstschluss mit klopfendem Herzen und etwas schneller als sonst in ihr Auto stieg.

Das Dresdner Ermittlerteam musste einen Umbau hinnehmen und bekam mit Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) gleich eine streberhafte, überkorrekte, unkollegiale und im entscheidenden Moment beim nötigen Schuss auf den Serientäter scheiternde Unsymphatin zugeteilt. Sie lässt es zu, dass der Mann, der ihre Kollegin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) mit einem Messer niedergestochen hat, flüchten kann. Ein Schuss und der Serienkiller wäre gefasst gewesen.

So müssen die Dresdner Ermittler nun mühsam und scheinbar erfolglos herausfinden, was einen Psycho dazu treibt, aus purer Lust am Töten Menschen ausbluten zu lassen, auszunehmen und sie dann wieder zugenäht zu spießig-bürgerlichen Szenen anzuordnen. Das Morbide und das Gruselige kommen so vertraut normal daher, dass man niemand mehr trauen will, der einem ein freundliches „Guten Morgen“ zuruft und ein Eigenheim mit Bastelkeller besitzt.

Das Grauen der brutalen Morde, das morbide Präsentieren in einer heilen Welt, die aussieht wie in der guten Stube beim Nachbarn wird erst durch die direkte, persönliche Konfrontation des Messerstecheropfers mit dem Serienkiller aufgelöst. Die knapp dem Tod entronnene und von Ängsten heimgesuchte Oberkommissarin Gorniak lässt sich in die As­ser­va­ten­kam­mer versetzen. Dort bittet die zwischenmenschlich äußerst ungeschickt agierende Neue um Hilfe bei der Killersuche. Und siehe da, die altgediente Dresdner Ermittlerin Gorniak findet den entscheidenden Hinweis zum Täter.

Den kann sie jedoch nur im Alleingang überführen, denn ihre Kollegen glauben, mit einem zweiten Tatverdächtigen den richtigen Psychopathen gefunden zu haben.

Die unmittelbaren Begegnungen mit dem Täter machen den „Tatort: Das Nest“ so besonders spannend. Ein ums andere Mal wird Oberkommissarin Gorniak trotz gezückter Waffe zum Opfer des Psychos mit dem makellosen Familien- und Berufsleben. Das schmerzt schon fast, wie diese Frau dem Mörder immer wieder in die Falle tappt. Ein bisschen mehr Verrücktheit hinter der bürgerlichen Maske hätte man sich beim Killer schon gewünscht, ein bisschen mehr vom Grauen des Normalen, doch auch so ist der Thriller spannend gestrickt.

Selbst die letzte Einstellung bewegt. Haben die beiden so unterschiedlichen Ermittlerinnen Selbstjustiz geübt? Und werden sie von ihrem Chef dafür gedeckt? Mal sehen, wie sich der Dresdner „Tatort“ entwickelt. Für den hier gibt es ein „Daumen hoch“, weil er letztlich spannend und für manche sogar gruselig ist.