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PZ-zapp: „Tatort: Her mit der Marie!“ - Wiener Schmäh zum Niederbusseln

Schon der Anfang hat diesen morbiden Charme, den österreichische Krimis so prägen. Da liegt ein toter Fuchs auf der Landstraße. Ohne Not fährt ein Auto noch einmal über das tote Tier. Nichts für Tierfreunde, die sogleich die zwei schmierigen, leicht dämlich anmutenden Hals-Tattoo-Ganoven in der antiquierten Mercedes-Ludenschüsssel hassen werden.

Dabei hätte der Beifahrer, ein frischgebackener und deshalb E-Zigaretten rauchender Vater mit kleinkrimineller Vergangenheit, etwas Mitleid verdient, wird der junge Papa doch kurz darauf erschossen. Für das Wiener Ermittler-Paar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) beginnen damit Ermittlungen im Rotlicht-Milieu, die nicht den Junge-nackte-Frauen-Voyeurismus bedienen, sondern erahnen lassen, dass früher alles besser war im Sexgeschäft.

Mit diesem Retrocharme spielt der „Tatort: Her mit der Marie!“ auf eindrucksvolle ironische Weise, ohne dabei platt oder unglaubwürdig zu werden. Alles irgendwie ein bisschen oldschool und immer mit einem Augenzwinkern serviert. Wer allerdings nicht nur Krimis schaut, sondern auch liest, weiß spätestens seit den Büchern von Wolf Haas, in denen er seinen leicht derangierten Detektiv Simon Brenner durch die Alpenrepublik irren lässt, dass hinter dem Küss-die-Hand-Schmäh das nackte Grauen in allen perversen Varianten steckt.

Wenn man den österreichischen Dialekt so hört, kann man sich eigentlich nicht wirklich vorstellen, dass jene alpenländischen Zeitgenossen so richtig grausam und gemein sein können. Und doch muss der Überlebende des Überfalls zu Beginn des „Tatorts“ seinem Kumpel mit dem Hammer die Zähne ausschlagen. Erschwert die Identifizierung und lässt einen als Zuschauer ein bisschen wohlig schaudern. Was in Filmen aus den USA in aller Deutlichkeit als optische Sensation präsentiert würde, wird hier nur angedeutet. Zum Glück, denn so behält der ARD-Krimi seine faszinierende Leichtigkeit.

Das im Film gezeigte Wiener Rotlichtmilieu mit seinem Anno-Tobak-Wohlfühlambiente mit Goldkettchen, Vokuhila und seltsam kombinierter Herrenoberbekleidung und den in die Jahre gekommenen Gaunern kommt irgendwie so hausbacken daher, dass man sich diese Zeit zurückwünscht, in denen keine aus dem südosteuropäischen Raum stammenden Mafiabanden die schmutzigen Geschäfte übernommen haben. Der Wiener Pate „Dokta“ (Erwin Steinhauer) kann die führenden Köpfe von Polizei und Justiz auf seiner Grillparty begrüßen. Und seine mit ihm gealterte Gespielin ruft ihn noch schnell zurück, um ihm ein Vesper fürs sicher länger dauernde Verhör mitzugeben. Den obligatorischen Rechtsanwalt braucht der Big Boss nicht, weiß er doch ganz genau, was er sagen muss. Übung macht den Meister. Und man kennt sich halt.

Das gilt auch für Inkasso-Heinzi, den schwulen Ex-Luden, zu dem Bibi Fellner in den vielen „Tatort“-Filmen zuvor schon immer eine ganz besonders freundschaftliche und automobile Beziehung hatte. Er kam darin oft ein bisschen vertrottelt vor, mehr Opfer als Täter. Im „Tatort: Her mit der Marie!“ darf er eindrucksvoll zeigen, dass es auch im Puff-Geschäft homosexuelle Männer gibt. Am Ende stirbt seine große Liebe im Kugelhagel der Rachegöttin und Frau jenes zu Filmbeginn erschossenen jungen Vaters. Und dann beweist Inkasso-Heinzi, dass Bauernschläue manchmal doch genügt, um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.

Ein Wiener „Tatort“ zum Niederbusseln. 

Wer den Film verpasst, sollte ihn sich unbedingt in der ARD-Mediathek anschauen. Dort ist er bis zum 21. Oktober verfügbar.