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Das ganz große Geld: Die Ndrangheta setzte 2013 einer Studie zufolge insgesamt 53 Milliarden Euro um – mehr als Deutsche Bank und McDonald’s zusammen. Foto: Fotolia
Das ganz große Geld: Die Ndrangheta setzte 2013 einer Studie zufolge insgesamt 53 Milliarden Euro um – mehr als Deutsche Bank und McDonald’s zusammen. Foto: Fotolia
10.01.2018

PZ-Interview mit Journalistin Bettoni zur Mafia: „Deutschland - ein sehr guter Ort für Geldwäsche“

Seit Jahren ist die Journalistin Margherita Bettoni am Thema Mafia dran. Sie hat mit Ermittlern, Opfern, aber auch mit Mafiosi gesprochen. Im PZ-Interview verrät sie, wie die Mafia-Geschäfte in Deutschland ablaufen, wo keineswegs nur Geldwäsche betrieben wird, und mit welchen Hindernissen Ermittler zu kämpfen haben.

PZ: 160 Personen wurden gestern bei einer Razzia in Italien verhaftet, in Baden-Württemberg waren es vier. Worum ging es da?

Margherita Bettoni: Die Personen sollen dem Farao-Clan angehören, der zur kalabrischen Mafia ,Ndrangheta gehört, oder mit ihm kooperiert haben. Unter anderem wird ihnen die Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung vorgeworfen, was in Italien eine Straftat ist. Außerdem Erpressung, Geldwäsche und Autoschieberei, Verstöße gegen das Waffengesetz bis hin zu versuchtem Mord.

160 Verhaftungen – das ist schon ein ordentlicher Schlag gegen die Mafia, oder?

Auf alle Fälle. Es ist vor allem ein großer Schlag für den Farao-Clan, der vor allem in Baden-Württemberg und Hessen sehr stark verwurzelt ist und in Deutschland auch als starker Clan gilt. Von den Haftbefehlen, die vollstreckt wurden, waren auch jeweils zwei Söhne der beiden Oberbosse des Clans betroffen. Die Oberbosse selbst sitzen in Italien lebenslänglich. Das heißt, der Clan wird sich jetzt erst neu organisieren müssen.

In Ihrem Mafia-Buch kritisieren Sie und Ihre Mitautoren die deutsche Gesetzgebung. Die Mafiosi könnten in Deutschland in Ruhe ihren Geschäften nachgehen. Woran liegt das? Was macht Italien besser?

Ich finde, dass auch Deutschland wunderbare Mafia-Ermittler hat. Wir waren für das Mafia-Buch bei verschiedenen Landeskriminalämtern und haben sehr kompetente Ermittler getroffen, die zum Teil sogar die süditalienischen Dialekte sprechen. Das Problem an Deutschland ist die Gesetzgebung, obwohl es auch hier deutliche Fortschritte gibt. In Deutschland gibt es im Unterschied zu Italien keinen Mafia-Paragrafen. Dort ist allein schon die Zugehörigkeit in der Mafia eine Straftat, auch wenn man dem Betreffenden keine illegale Handlung nachweisen kann. In Deutschland gab es lange nur den Paragrafen über kriminelle Vereinigungen, aber es war sehr schwierig, den auch anzuwenden, weil man dafür auch andere Straftaten nachweisen musste. Also man musste nachweisen, dass Herr Rossi mit Drogen handelt und das für eine kriminelle Vereinigung macht. Dieser Paragraf wurde 2017 verschärft, so dass jetzt die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung als Straftat gilt. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Was ebenfalls verbessert wurde im vergangenen Jahr, ist die Beweislastumkehr: Bislang mussten die Ermittler beweisen, dass ein Mafioso seine drei Villen und acht Porsche mit illegalen Geschäften finanziert hat, nun muss Herr Rossi nachweisen, mit welchem Geld er sich die Immobilien und Porsches gekauft hat. Es ist also schon einiges passiert in Deutschland. Es gab auch Verhaftungen seither – auch in Baden-Württemberg übrigens.

Wie muss man sich die Mafia in Deutschland vorstellen? Gibt es hier auch Schutzgelderpressungen?

Absolut. Schutzgelderpressung ist eines der Felder, mit dem die Mafia in Deutschland ihr Geld macht. Die funktioniert anders, als man sich das so vorstellt. Bevor ich anfing, mich mit der Mafia zu beschäftigen, dachte ich auch, dass das abläuft wie im Film: Der Mafioso kommt ins Restaurant, hält dem Besitzer die Waffe vor und sagt: „Bezahle oder ich fackle alles ab!“ So ist es natürlich nicht, weil die Mafiosi richtige Geschäftsmänner sind. Es läuft zum Beispiel so, dass ein italienischer Weinhändler, der hier in Deutschland Weine aus Italien importiert, einen Restaurantbesitzer dazu zwingt, seinen Wein zu kaufen. Dass es dabei um Erpressung ging, ist für die Ermittler in diesem Fall natürlich ziemlich schwierig nachzuweisen.

Findet in Deutschland ansonsten vorwiegend Geldwäsche statt, oder gibt es auch den Drogenhandel?

Deutschland ist absolut ein sehr guter Ort für Geldwäsche – ob mit Immobilien oder Restaurants. Das klassische Beispiel ist das Restaurant, das immer leer steht und trotzdem ständig renoviert wird. Aber es nicht nur ein Ort für Geldwäsche, es ist auch ein Umschlagplatz für Drogen und Waffen: Kokain, das über Bremerhaven oder Hamburg reinkommt, wird über Deutschland verteilt.

Sie recherchieren seit Jahren über die Mafia in Deutschland. Wie gefährlich ist das?

Meine Einschätzung momentan ist, dass die Mafia unsichtbar bleiben möchte. Sie weiß: Solange sie unsichtbar bleibt, bekommt sie kein Problem. Als 2007 die sechs Mafia-Morde in Duisburg geschahen, gingen plötzlich die Scheinwerfer an. Zum ersten Mal hat die deutsche Öffentlichkeit begriffen, dass die ‚Ndrangheta hier ist und dass sie ein Problem ist, obwohl sie schon seit dem 70ern hier war. Dass das ein ganz großer Fehler war, hat die ‚Ndrangheta inzwischen erkannt und möchte seitdem besonders wenig auffallen.

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helmut
11.01.2018
PZ-Interview mit Journalistin Bettoni zur Mafia: „Deutschland - ein sehr guter Ort für Geldwäsche“

Nicht nachvollziehbar dass die italienische Mafia seit Jahrzehnten ungeniert in Deutschland ihr Unwesen treiben konnten. Vieles geschah in voller Öffentlichkeit. In meiner früheren Stammkneipe, obwohl sehr gut frequentiert, wechselten laufend die deutschen Pächter. Dann wurde es eine Pizzeria. Der große Stammtisch wurde verkleinert. Sonnabend Nachmittag, wenn wir unsere Skatrunden hatten, wurde geschlossen. Der Kellner fuhr einen Ferrari. Ich bin Junggeselle und kann mir dieses Hobby ...... mehr...

rostiger ritter
11.01.2018
PZ-Interview mit Journalistin Bettoni zur Mafia: „Deutschland - ein sehr guter Ort für Geldwäsche“

In der Gastrobranche wird regelmäßig zentnerweise Eigenkapital verbrannt, weil oft die betriebswirtschaftlichen Grundkenntnisse fehlen und Probleme zeitlich verlagert werden, weil alles andere wichtiger ist- bis es dann zu spät ist. Dann heißt es: "Nächster!", und es findet sich meist auch einer... Mag sein, dass das in Ihren konkreten Beispielen nicht der Fall war, es würde mich jedenfalls nicht wundern. mehr...

Schreiberling
12.01.2018
PZ-Interview mit Journalistin Bettoni zur Mafia: „Deutschland - ein sehr guter Ort für Geldwäsche“

Überall wo Bargeld bewegt wird, vor allem bei Bäckern, Metzgern und Wirten, kann Geld gewaschen werden. Und das geschieht auch. Mir fällt in der Stadt eine Wirtschaft auf, in der ich noch nie einen Gast gesehen habe.... mehr...

Ladygaga
12.01.2018
PZ-Interview mit Journalistin Bettoni zur Mafia: „Deutschland - ein sehr guter Ort für Geldwäsche“

wir haben von jeder Nation mafiose Strukturen hier..Libanon, Rumänien, Russen.....aber es ist alles in Ordnung ( lol ) mehr...