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TV-Kolumne PZ-zapp

© Marc Dietz
28.05.2012

PZ-Zapp: "Tatort: Skalpell" ist Schweizer Wertarbeit

„Darüber redet man nicht“, sagt die Mutter über die Ursache für den Selbstmord ihrer Tochter. Aber es war ja auch nicht wirklich die Tochter. Eher der Sohn. Und auch das stimmt nicht genau, denn das Selbstmordopfer war intersexuell. Bis zum zweiten Lebensjahr konnte man dem Kind kein eindeutiges Geschlecht zuordnen. Dann wurde es vom Kinderarzt Dr. Lanther operiert und zum Mädchen gemacht. Irgendwann muss der Chirurg für dieses „Geschlechtszuweisung“ genannte, massenhafte Schlachten bezahlen.

Er stirbt im Wald durch ein tief in seinen Hals eingedrungenes Skalpell. Und wie der Luzerner Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) im „Tatort: Skalpell“ den Mörder findet, hat mich begeistert.

Das Negative gleich vorweg: Irgendwie wirkte dieser zweite Schweizer „Tatort“ stellenweise schlecht synchronisiert. Dann wieder musste man genauer hinhören oder sich über Worte wundern, die man mal schon irgendwie gehört hat, im Deutschen aber eigentlich nicht (mehr) geläufig sind. Aber das ist wohl dem nicht immer einfach Spagat zwischen Schwyzer- und Hochdütsch geschuldet. Pardon: Hochdeutsch.

Das war zwar etwas nervig, aber: Schwämmli drüber. Die Geschichte war spannend, die Schauspieler agierten beeindruckend, nichts wirkte irgendwie gestellt, überzogen. Die eher zurückhaltende Art von Kommissar Flückinger wirkte so emotional bewegend wie unverbraucht. Letzteres mag auch daran liegen, dass es erst der zweite Schweizer „Tatort“ war. Der erste soll ein Fiasko gewesen sein. Keine Ahnung, der ist mir entgangen. Aber nach diesem zweiten möchte ich den dritten nicht verpassen.

Die operierten Opfer des Kinderarztes müssen teilweise seit vielen Jahren mit der Ungewissheit leben, dass sie irgendwie im falschen Körper leben. "Man hat ein Mädchen aus ihr gemacht, aber sie ist niemals eines geworden", sagt eine Mutter den Ermittlern. Aber vielleicht hätte ja auch schon ein bisschen mehr Offenheit geholfen. Aber: „Darüber redet man nicht.“ Und durch das Verschweigen und Lügen schadet man den im Kleinkindalter zerstückelten Menschen noch einmal. So fühlen sich letztlich auch die sprachlosen Eltern als Opfer. Zwei von ihnen sind deswegen sogar zum Mörder geworden.

Das wirkt alles jederzeit sehr überzeugend. Da werden menschliche Tiefen ausgelotet, ohne erhobenen moralischen Zeigefinger oder bedeutungsschwangere Effekthascherei. Und selbst das etwas temporeichere Finale mit den zu Mördern gewordenen Eltern wirkt stimmig.

Die Mutter war die treibende Kraft, der Vater der Vollstrecker. Und, wie sollte es in einem Schweizer „Tatort“ anders sein: Der auf Rache sinnende Werftarbeiter versteckte sich neben einem Waldweg hinter Bäumen und schoss das Skalpell mit einer Armbrust ab. So ganz ohne Wilhelm Tell geht es wohl nicht. Egal. Schwämmli drüber.

Nur eines noch: Warum müssen solche Themen immer in Städten und an Orten spielen, die Grau in Grau daherkommen. Nutzen die modernen „Tatort“-Regisseure nur noch ausgebleichte Farbfilmrollen mit Grauschleier? Das war dann aber auch schon der letzte Kritikpunkt. Schwämmli drüber und Däumli hoch für diesen bewegenden Schweizer „Tatort“. 

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