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TV-Kolumne PZ-zapp

© Marc Dietz
23.07.2012

PZ-Zapp extra: "Vom Traum zum Terror - München 72"

Ich war 13 und in diesen Tagen mehr an Sport, denn an Politik interessiert. Goldmedaillen für Deutschland – denen schenkte ich 1972 meine ganze Aufmerksamkeit. Olympia in München, das waren die Bilder, die alle in meinem Umfeld im Kopf hatten.

Kein Wunder, denn es gab damals nur drei Fernsehprogramme, und alle zeigten immer irgendwie die olympischen Spiele. Diese waren der mediale Höhepunkt des Jahres. Und auch daran erinnerte am Sonntag in der ARD das Doku-Drama "Vom Traum zum Terror - München 72". Für mich einer der TV-Höhepunkte in diesem Jahr, denn hier wurde nicht nur mit erhobenem Zeigefinger vor dem Übel des Terrorismus und der Inkompetenz von Staatsorganen gewarnt, hier wurden nicht Schuldige herausgedeutet, hier wurde Mitgefühl und Verständnis für alle Beteiligten – mit Ausnahme der Täter – gezeigt.

Vielleicht lässt sich das mit dem Abstand von 40 Jahren auch leichter bewältigen. Vielleicht war es aber auch einfach nur ein erstklassiges Doku-Drama. Die Geschichte vom blutigen Anschlag der palästinensischen Terroristen der Gruppe „Schwarzer September“ und vom noch blutigeren Ende der Geiselnahme auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck war mir bekannt. Dass bei der Polizei Fehler gemacht wurden, war schon damals zu erahnen. Zuletzt konnte man noch jede Menge ausführliche Details dazu im „Spiegel“ lesen. Nicht weiter verwunderlich, denn der ARD-Film wurde von „Spiegel TV“ produziert.

Die Serie von aus heutiger Sicht unverständlichen Fehlern, die Reihe von Unzulänglichkeiten, die Naivität und Blindheit bei den Sicherheitsbehörden auf jeder Ebene – all das, was das erste Morden erleichtert und das spätere Sterben forciert hat, in 90 Minuten in einem spannenden Mix aus Originalbildern und Spielszenen zu sehen, war überaus fesselnd. Die 40 Jahre alten Bilder erschienen seltsam vertraut. Plötzlich standen sie wieder erstaunlich unverblasst vor mir. Und es waren die Bilder von den fröhlichen und den traurigen Spielen, die mich damals animiert haben, mich doch mehr mit der Weltpolitik zu befassen.

Vielleicht habe ich deshalb doch noch einen Kritikpunkt gefunden. Mir sind nach 90 Minuten "Vom Traum zum Terror - München 72" ein paar Fragen offen geblieben. Insbesondere die Geschichte der Täter, ihre Motive, ihr politischer Hintergrund kommen zu kurz. Und welche Rolle spielten deutsche Neonazis bei der Unterstützung der arabischen Terroristen? Und wer hat damals das Versagen der Behörden unter den Teppich gekehrt? Aber dann hätten die 90 Minuten gewohnter Spielfilmlänge nicht gereicht.

Trotzdem: Dieses Doku-Drama hätte es verdient gehabt, zur besten „Tatort“-Zeit zu laufen. An diesem Sonntag lief einfach nichts Besseres im deutschen Fernsehen – obwohl wir inzwischen das Zig-Fache an TV-Sendern mehr haben als 1972. Thomas Kurtz