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© Fotolia/Dietz
22.02.2016

PZ-zapp: Bewegendes Psychoduell in starkem Stuttgarter Schleuser-"Tatort"

Endlich mal wieder ein Stuttgarter „Tatort“, der richtig zur Sache geht. Nicht weil da einer wild durch die Gegend ballert, Autos durch die Luft fliegen und Drogenlabore explodieren, sondern weil Kommissar Lannert (Richy Müller) sich in einem packenden Psychoduell gegen ein Schleuser- und Dealerpärchen beweisen muss. 23 Leichen in einem Lkw lasten auf seinem Gewissen – und die Anzahl der toten Flüchtlinge könnte bald weiter ansteigen, wenn Lannert im "Tatort: Im gelobten Land" nicht die Ruhe bewahrt.

Wer weiß schon genau, wie viele Flüchtlinge auf dem Weg ins sichere Europa im Mittelmeer ertrinken, in Containern ersticken, auf wochenlangen Märschen irgendwo erschöpft in einem Wald sterben? Es sind viele, zu viele, und die täglich vermeldeten Zahlen rauschen inzwischen an einem vorbei, weil das große und tödlich endende Leid der Flüchtlinge zum einen schon Nachrichtenalltag geworden ist und zum anderen vorwiegend außerhalb der deutschen Grenzen geschieht. Im Stuttgarter „Tatort“ ist diese gewaltige menschliche Tragödie plötzlich ganz nahe. Dabei erfährt man davon nicht wirklich viel, man sieht nur die erstickten Toten im Lastwagen. Im Grunde konzentriert sich dieser Film auf das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Lannert und den Schleusern Milan Kostic (Sascha Alexander Gersak) und dessen Schwester Mitra (Edita Malovcic).

Dass Letztere im Schweiger-„Tatort“ die Staatsanwältin spielt, stört hier nicht. Sie ist die coolere Verbrecherin, die weiß, wann der Kommissar nur provozieren will, welche Tricks er versucht. Ihr Bruder ist der emotionalere, hektische Gegenpart zum verzweifelt nach einem Ausweg suchenden Lannert.

Quasi im Alleingang verfolgt der Kommissar den Schleuser, der seine menschliche Fracht auch Heroin-Päckchen schlucken lässt, um so doppelt abzukassieren. Mehrmals stehen sie sich gegenüber, Auge in Auge, jeder mit der Waffe in der Hand, mitten in einem Hochhaus, das als Asylantenheim dient und quälend langsam von SEK-Beamten Zimmer für Zimmer durchsucht wird, während außerhalb schon ein bezahlter Killer die Liquidierung der verbrecherischen Geschwister plant. Und irgendwo in Stuttgart könnte demnächst ein Lkw abgestellt werden, in dem Menschen versteckt sind und um Luft ringen. Wird der Lkw nicht geöffnet, bedeutet das den Tod weiterer Flüchtlinge. Mit dieser Nachricht erpresst der Schleuser Kommissar Lannert, der ihm am Ende zur Flucht verhilft, dafür aber Material zu den Hintermännern des Menschen- und Drogenhandels erhält.

Dass Schleuser wahre Unmenschen sind, ist allgemeine Lesart. Im „Tatort“ versuchen diese Verbrecher, ihr Tun zu rechtfertigen. Sie sind Menschenfreunde, die anderen zur Freiheit verhelfen. So richtig glaubhaft klingt das nicht, wenn man die Bilder von den 23 toten Flüchtlingen im Lkw noch vor Augen hat. Und Lannert sieht das ohnehin mit den Augen eines Menschen, der sich die Schuld am Tod der Flüchtlinge gibt, weil er sich nicht vehement genug für eine frühe Öffnung des Lastwagens eingesetzt hat. Anders sein Kollege vom Rauschgiftdezernat. Der schüttelt die Verantwortung durch zynische Sprüche von sich ab. Die Dialoge im "Tatort: Im gelobten Land" leben von eiskalt servierten oder verzweifelt postulierten Wahrheiten zwischen humanistischer und menschenverachtender Gesinnung, zwischen Verbitterung und Verachtung. Es wird viel gesprochen und doch fühlt man in diesem „Tatort“ auch eine gewisse Sprachlosigkeit. Die erlebt man beim Thema Flüchtlinge gerade in Deutschland allerorten, wenn man die „Wir sind das Volk“-Gröler nach den Gründen für Ihr Tun fragt und die Antworten sich dann auf bloße Parolen oder hilfloses Schweigen beschränken.

Es ist nicht in erster Linie ein politischer „Tatort“, eher schon eine Art Kammerspiel, ein Psychoduell, und doch passt dieser Stuttgarter Krimi genau in unsere Zeit. Gut auch, dass Richy Müller dieses Mal im Blickpunkt stand. Er ist die spannendere Figur im Stuttgarter Ermittlerduo. Für einen spannenden Sonntagabendkrimi gibt es hier die „Daumen hoch“-Wertung.