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TV-Kolumne PZ-zapp

© Fotolia/Dietz
08.09.2014

PZ-zapp: Deprimierende Polizeiarbeit im Schweizer "Tatort: Verfolgt"

Dass die Schweizer „Tatort“-Ermittler Flückiger (Stefan Gubser) und Ritschard (Delia Mayer) stets mit Leichenbittermiene in einem permanent trüben, farblosen Luzern ermitteln, mag ein Kunstgriff der Regie sein, ein Markenzeichen, das den Weltschmerz der beiden angesichts des alltäglichen Bösen spiegelt. Aber seit dem packenden Finanzdrama „Tatort: Verfolgt“ wissen wir, dass sie einfach nur depressiv sind, weil ihr Job zuweilen so niederschmetternd sinnlos sein kann. Etwa wenn sie die Bösen gefunden haben, diese aber ihr ach so ehrenwertes Leben einfach weiterführen können.

Flückiger und Ritschard machen trotz Pannen und Chaos alles richtig. Sie ermitteln den Mörder einer Frau, die angeblich das Geheimnis einer verschwundenen CD mit Daten von internationalen Steuersündern im großen Stil und kriminellen Geldwäscheorganisationen kennen soll. Der Killer hat wohl auch ihren Liebhaber, den IT-Manager der Bank, der als etwas seltsamer Edward Snowden der Steuergerechtigkeit die Daten kopiert hat, auf dem Gewissen. Der Mörder wird zwar von Ritschard angeschossen, aber sein Tod geht auf das Konto eines weiteren, unerkannt entkommenen Killers. Der hat somit auch den letzten der Polizei zur Verfügung stehenden Zeugen der dunklen Machenschaften einer Schweizer Bank aus dem Weg geräumt.

Und die Auftraggeber? Die lächeln und fachsimpeln weiter auf Wirtschaftstreffen, auf Lobbyistenpartys mit Politikern, bei Charityshows und auf dem Golfplatz. Die Polizisten wissen, was auf der CD steht. Doch sie können die Daten nicht verwerten. Schließlich ist die CD Diebesgut, das an die Bank zurückgegeben werden muss. Da wäre es möglich, die kriminellen Offshore-Firmengeflechte zu entwirren, konkrete Namen der Geldwäscheaktionen zu nennen, die Finanzmafia bloßzustellen. Doch so sehr sich Flückiger und Ritschard um Aufklärung bemühen, die Hintermänner sind einen Schritt schneller oder haben das ein oder andere schützende Gesetz auf ihrer Seite oder können sich auf Fürsprecher verlassen. Zur Not erledigt eben ein Killer die Drecksarbeit.

Kein Wunder, dass sich in diesem spannenden, aufwühlenden „Tatort“ gleich mehrere Protagonisten verfolgt fühlen. Da will man sich doch gleich selbst sicherheitshalber mal auf der Couch umdrehen. Alles nur Paranoia? Alles nur Hirngespinste Marke Weltverschwörungstheorie? Die Finanzmafia auf den Cayman Islands in Kombination mit einer honorigen Schweizer Privatbank – das ist im „Tatort: Verfolgt“ kein Ideologie-Gespenst aus einem Pamphlet von Anonymous-Aktivisten, das sind ganz normale Verbrecher, die jedoch unbehelligt als Biedermänner in einem gigantischen Netzwerk ihre dunklen Geschäfte tätigen dürfen. Und so sehr sich das Schweizer Ermittlerduo auch bemüht, sie versagen am Ende.

Kein Wunder also, dass Flückiger und Ritschard so frustriert und entnervt durch ein deprimierendes Luzern dem Verbrechen hinterhereilen. Aber genau das macht diesen spannenden „Tatort“ so eindrucksvoll und authentisch. Am Ende geht das Finanzgeschäft seinen gewohnten Gang. Die Leichen sind schnell vergessen.

Nicht vergessen sollte man, beim nächsten Schweizer „Tatort“ wieder einzuschalten, denn die Krimis aus dem bösen Luzern haben stark an Qualität gewonnen. So langsam darf man Flückiger und Ritschard attestieren, dass sie unser Bild der heilen eidgenössischen Idylle teilweise zurechtgerückt haben. Heidi und der Geissenpeter jedenfalls würden ihre Bilderbuch-Schweiz in den „Tatorten“ nicht wiedererkennen.