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© Marc Dietz
06.08.2012

PZ-zapp: Die große Bolt-Show im Olympia-TV

Olympia, das war einmal Tauziehen. Das war leider nie Boule, sonst wäre mein persönlicher Freizeitsport mit den Stahlkugeln wohl populärer in Deutschland geworden. Olympisch wird dafür ab 2016 Rugby – mein persönlicher Lieblingszuschausport. Aber im Grunde ist das alles egal, denn Olympia wird letztlich reduziert auf den 100-Meter-Lauf der Männer.

Umfrage

Ist das 100-Meter-Rennen der Männer das Highlight der Olympiade

Ja 38%
Nein 39%
Mir egal 23%
Stimmen gesamt 263

Nicht nur in meinem familiären Umfeld sind alle auf den Spurt der schnellsten Männer der Welt fixiert, auch in der Olympia-Berichterstattung des ZDF galt am Abend zur Prime-Time das ganze Interesse dem Rennen über 100 Meter.

Es ist schon kurios: Die kürzeste der rund vier Dutzend Leichtathletik-Entscheidungen genießt die größte Aufmerksamkeit. Selbst nach Mitternacht zum Abschluss der Olympia-Sendung zeigt das ZDF noch einmal den Lauf, den schon alle mehrmals gesehen haben und den Usain Bolt mit neuer olympischer Rekordzeit gewinnt. Weniger als zehn Sekunden Action und doch ist das kurze Spektakel der Höhepunkt des Fernsehabends.

In der ARD läuft ein alter „Tatort“, auf den anderen Sendern kommt nichts Weltbewegendes. Und wer will schon die Schlagerfuzzis Jürgen Drews und Mickie Krause im „Perfekten Promi Dinner im Schlafrock“ sehen? Bleibt also nur der Sport.

Und der Abend mit Olympia im Fernsehen hat sich tatsächlich gelohnt. Gut, die Kommentare der Sportreporter sind zuweilen etwas daneben. Da wird im Heia-Safari-Stil von den „Big Five“ schwadroniert, so als seien die fünf besten 100-Meter-Läufer nichts anderes als Elefanten oder Löwen, die man als Afrika-Pauschaltourist auf der obligatorischen Wildlifetour fotografieren muss. Da werden krampfhaft all die seltsamen und zuweilen auch kindischen Gesten der Sportler interpretiert. Hat bloß noch gefehlt, dass ein Kommentator den Zuschauern erklärt, dass der Läufer xy gerade ins Publikum winkt, weil das eine internationale Grußgeste ist.

Aber: Schwamm drüber. Das ZDF hat es richtig spannend gemacht. Zuerst die drei Ausscheidungsläufe fürs Finale, in denen klar wurde, dass ein ab 60 Meter locker auslaufender Bolt schneller war als ein erst ab 80 Metern zum Fußgänger werdender Yohan Blake, der später Silber holen sollte. Natürlich für Jamaika. Dann das Hauptrennen, nach dem Bolt die karibische Reggae-Insel über seine Goldmedaille jubeln ließ. Es war spannend, auch wenn der Topfavorit deutlich gewann.

Das ZDF zaubert sogar später noch einen Sportpsychologen aus dem Hut, der uns erklärt, dass Usain Bolt der neue Mohammed Ali ist. Einer, der einen großen sportlichen Erfolg verspricht und diesen dann auch tatsächlich schafft. Usain Großmaul Bolt hat es in der Tat allen eindrucksvoll bewiesen, dass ihn auf 100 Metern kein Mensch einholt. Und natürlich markierte er wieder den Bogenschützen, wobei ich vergeblich darauf gewartet habe, dass jemand vom ZDF eine Parallele zum Mittelalter-Star Robin Hood zieht. Der ist zwar kein Londoner, aber doch zumindest Engländer gewesen. Und Bogenschießen ist sogar olympisch seit anno Tobak.

Zweimal Jamaika in Front, dann der Ex-Dopingsünder Justin Gatlin aus den USA auf dem Bronzeplatz. Die Amis haben die Dominanz auf den Sprintstrecken verloren. Und die deutschen Modellathleten? Fehlanzeige. Ob die in der Disziplin überhaupt angetreten sind?

Aber das hat an diesem Abend niemand wirklich vermisst. Es ist schon kurios: In jeder Disziplin sucht man nach den deutschen Medaillenhoffnungen, aber im 100-Meter-Lauf ist das egal. Bleichgesichter rennen hier ohnehin nicht mit. Hier zählen die pure Spannung und das reine Ergebnis, Testosteron, dicke Muskeln und Showtalent. Und weil es so gut lief mit dem Laufen am Sonntag, werde ich auch am Montag wieder Olympia glotzen. Auch ohne Tauziehen und Boule. Einfach nur, weil das Sportspektakel so spannend und voller Emotionen ist.