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05.12.2016

PZ-zapp: Die starken Typen im Konstanzer "Tatort"-Finale sind Frauen

Es war eigentlich schon immer ihr „Tatort“. Die Krimis aus Konstanz, die auch zu Ausflügen ins Schweizer Umland führten, konnten sich eigentlich fast immer auf Eva Mattes als tragende Schauspielerin verlassen. Zuweilen jedoch war das nicht genug, denn der Bodensee-„Tatort“ schaffte selten einmal den Sprung in die allererste Liga der ARD-Sonntagabendkrimis. Der letzte „Tatort“ aus diesem süddeutschen Grenzgebiet geriet denn auch folgerichtig zu einem reinen Mattes-Abschiedsfilm, in dem ihre schwer am Herz erkrankte Ermittlerin Klara Blum mit letzter Kraft noch einmal das auf kuriose Art edel-menschlich wirkende Böse bekämpft.

Bildergalerie: Dreharbeiten zum letzten Bodensee-«Tatort»

Schon bald wird deutlich: Die wirklich starken Typen sind die Frauen. Nicht der mit Blum im ewigen Streit und Misstrauen verbundene Gefolgsmann Perlmann (Sebastian Bezzel), nicht der fesche Kollege von der Schweizer Polizei (Roland Koch), nicht die bösen Buben, die skrupellose und menschenverachtende Ausbeuter oder Rechtsaußenhetzer waren und dann durch die Hand von drei Racheengeln im Großmutteralter qualvoll sterben müssen.

 

Wie es sich für einen ordentlichen Mattes-Abschied gehört, begleiten sie im „Tatort: Wofür es sich zu leben lohnt“ frühere Weggefährtinnen in den Ruhestand. Hanna Schygulla, Margit Carstensen und Irm Hermann sind wie Mattes durch Filme von Rainer Werner Fassbinder zu Kino-Ruhm gekommen. Der nonkonformistische, antikapitalistische, emanzipierte, sexuell befreite Fassbinder-Clan scheint immer noch den alten Hippie-Scharm und die revolutionäre Attitüde zu pflegen. Wie das Trio über Männer spricht und letztlich mit ihnen umgeht, stellt die alte Ordnung vom starken und schwachen Geschlecht in Frage.

Selbst die Witwen der beiden ersten Opfer, ein zahllose Menschen in den Ruin und Selbstmord treibender Finanzbetrüger und ein ekelhaft selbstverliebter, rassistischer Rechtspopulist, zeigen Stärke und sind als Erbinnen die klaren Kriegsgewinnler in dieser Schlacht der guten Alten gegen die skrupellosen Macher. Da wirkt dann ein eiskalt Menschenleben gegen Profit aufwiegender Textilmillionär (Matthias Habich) in seinen letzten Lebensminuten nur lächerlich, wenn er, an einen Stuhl gefesselt, langsam ausbluten muss. Weibliche Solidarität gegen die männliche Macht.

Kommissarin Blum fühlt sich wohl im Kreis des Gerechtigkeit schaffenden Frauentrios und muss doch gegen die Rächerinnen ermitteln. Die aber haben ihr Leben souverän im Griff. Inklusive dessen Ende. So gestalten sie ihren Abgang – sich ergeben wäre keine Alternative – reichlich spektakulär. Und vorher wird noch zum Abschied von diesem ganzen Daseinstheater die „Internationale“ angestimmt. Da würde Fassbinder im Grab die rechte Faust recken und ein Gläslein Hochprozentiges kippen.

Zurück bleibt die einsame, allein auf sich zurückgeworfene Ermittlerin Blum, die sich nun ihrer Krankheit und ihren Todesängsten stellen muss, das Wichtigste einpackt und einen wie immer rat- und hilflosen Perlmann zurücklässt.

Man ist geneigt, der Schauspielerin Eva Mattes den Abschied vom doch etwas engen Korsett des Konstanzer „Tatort“ zu gönnen. Vielleicht solidarisieren sich die vier Fassbinder-Aktricen ja und sind demnächst als Quartett im Fernsehen zu sehen. Irgendetwas Spannendes, Anspruchsvolles zwischen den „Drei Damen vom Grill“ und den „Golden Girls“. Der Auftritt der legendären deutschen Kino-Stars der 70er- und 80er-Jahre hat Lust auf mehr gemacht. Daher gibt es zum Konstanzer Finale eine letzte wohlwollende „Daumen hoch“-Wertung.