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© Marc Dietz
04.06.2012

PZ-zapp: Ein Polittalk mal ohne hyperaktives Geschnatter

Sommerpause in der ARD. Das heißt: Kein neuer „Tatort“, sondern einer, der schon einmal vor Jahren den Sonntagabend geprägt hat. Dieses Mal lief als Lückenfüller ein richtig spannender „Tatort“ aus Bremen mit der immer etwas zu ernsten Sabine Postel. Leider, leider nicht aktuell genug für PZ-zapp. Und weil ja um 20.15 Uhr sonst nichts kam außer Liebeskummer-Romanzen, musste 21.45 Uhr der ARD-Polittalk mit Günther Jauch herhalten. Der aber war – untypisch für die vielen öden bis chaotischen Talkrunden im deutschen Fernsehen – richtig gut, informativ und spannend.

Gleich vorweg: Politische Gesprächsrunden nerven mich total. Immer die gleichen Gesichter, immer das gleiche rechthaberische Reinreden, immer die gleichen kryptischen Zahlenspielereien, immer das gleiche Gefühl, am Ende der Sendung nichts von dem unstrukturierten Fachchinesisch und dem hyperaktiven Geschnatter verstanden zu haben. Und dann ist da noch meine ganz persönliche Aversion gegen Deutschlands Schwiegermutterliebling Nummer eins, Mister Farblos Günther Jauch. Keine idealen Voraussetzungen, um dienstlichen Fernsehkonsum mit privatem Genuss zu verbinden.

Doch Jauch machte seine Sache prima, wohl auch weil es ihm seine Gäste leicht machten. „Glucke contra Rabenmutter“ lautete das Thema. Und das Ergebnis dieser Auseinandersetzung stand nach wenigen Minuten fest: Die „Herdprämie“, wie sie die Bundesregierung demnächst trotz Bedenken und Kritik aus den eigenen Reihen beschließen will, findet zumindest im Gasometer in Berlin keine Freunde.

CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt hielt sich tapfer als Befürworter eines Betreuungsgeldes für Eltern, die ihre Kleinkinder nicht in einer Kindertagesstätte unterbringen wollen. Mit Ausnahme von allein Erziehenden oder Elternpaaren mit Hartz-IV-Bezügen. Dafür aber auch für Eltern, für die 100 Euro mehr im Monat nur ein kleines Taschengeld bedeuten. In einer kuriosen Allianz mit Linksaußen Christa Müller, familienpolitische Sprecherin der Linken im Saarland und Ex-Frau von Oskar Lafontaine, mühte sich der biedere CSU-Mann redlich, das Betreuungsgeld ins rechte Licht zu rücken. Doch vergeblich. Keine einzige Aussage wurde mit im Gasometer Beifall quittiert, und auch die Online-Kommentare in der ARD zeigten deutlich, dass die „Herdprämie“ an den Wünschen und Bedürfnissen vieler Menschen total vorbeizuschießen scheint.

Herrlich und erfrischend wortgewandt und überzeugend: Sozialwissenschaftler Stefan Sell. „Man muss kein erotisches Verhältnis zur Logik haben“, kanzelte er Christa Müller ab, um dann ein ums andere Mal die Defizite des Betreuungsgeldes aufzuzeigen. Das Publikum liebte ihn für seine klaren Aussagen, auch für sein gelegentliches Aufbrausen, und ihm ist es zu verdanken, dass ich den Polittalk tatsächlich bis zum Ende angeschaut habe.

Na ja, auch Manuela Schwesig, SPD-Ministerin in Mecklenburg-Vorpommern, hat mir imponiert, wobei ich ehrlich zugeben muss, dass mich so viel blonde Kompetenz und Präsenz angenehm überrascht hat. Da musste sich der CSU-Generalsektretär ganz schön warm anziehen und immer wieder einmal wegducken. Beim nächsten Polittalk mit ihr schalte ich wieder ein. Da ist Spannung garantiert.

Eher brav dagegen wirkte „Nachtmagazin“-Moderatorin Gabi Bauer, der man anmerkte, dass sie mit einem Auge auf ein ordentliches Maß an Neutralität schielte. Von ihr könnten die kleinen Infofilmchen gewesen sein, die zwischen den Diskussionen das Thema Betreuungsgeld ausgewogen anschaulich beleuchteten. Meinen Beifall dafür, auch für die Gesprächsführung von Jauch und die überraschend (vergleichsweise) faire Diskussion der Talkgäste.

Warum aber muss kurz vor Schluss des Polittalks noch „Tagesthemen“-Moderator Tom Buhrow nach seinem Thema in der folgenden Nachrichtensendung gefragt werden? Unnötiger Unfug. Bei den Privatsendern ist man da ehrlicher und konsequenter: Da läuft ganz offensichtlich Werbung. Und zwar so lang, dass es ganz locker für den Gang zum Kühlschrank und fürs Öffnen des Feierabendbieres reicht. Thomas Kurtz

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