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TV-Kolumne PZ-zapp

26.10.2015

PZ-zapp: Ein Stuttgarter Rache-"Tatort" zum Vergessen

Nicht jeder gute Fernsehkrimi muss unbedingt immer haarscharf die Realität abbilden. Nicht immer muss alles plausibel oder logisch sein. Hauptsache spannend. Aber der „Tatort: Der Preis des Lebens“ aus Stuttgart war mir dann doch zu sehr an den Haaren herbeigezogen und zu sehr konstruiert, dass am Ende nichts mehr authentisch wirkte und die Spannung auch irgendwo zwischen den Ungereimtheiten und falschen Gefühlen verloren ging.

Die Kommissar Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) hatten auch schon bessere Zeiten erlebt. In diesem „Tatort“ um Selbstjustiz und Rache, nie versiegende Trauer und selbstlose, aufopferungsvolle Kinderliebe geht es um ganz große Gefühle, die so groß sind, dass sie dieser Film gar nicht erreicht und auf die Mattscheibe herunterbringen kann. Ein älteres Ehepaar – er ist Arzt und weiß, wie man heilen oder Schmerzen bereiten kann – schafft es, den Vergewaltiger und Mörder ihrer Tochter nach dessen Haftentlassung zu sich in den Keller zu locken und zu foltern. Der Verbrecher soll den Namen des zweiten Täters nennen.

Das ist schon etwas gewagt und konstruiert, aber diese beiden zerbrechlichen Gestalten sollen dann auch noch das große, schwere Opfer mal eben so in eine Mülltonne gehoben und abgelegt haben. Diese unbescholtenen Bürger schaffen es, mit der Polizei ein fein kalkuliertes Katz-und-Maus-Spiel zu inszenieren und den Beamten immer einen Schritt voraus zu sein, obwohl in der Realität sonst laufend Geldübergaben und Geiselnahmen scheitern, weil die Profiverbrecher zu dumm sind, um auch nur den nächsten Schritt richtig zu planen. Hinzu kommt, dass das von Rachegefühlen zu verbrecherischen Höchstleistungen getriebene Ehepaar auch noch erfolgreich improvisieren kann und kurzerhand die Tochter von Bootz als Geisel nimmt. Das war mir dann einfach zu viel Superhirn, zu viel bösartiges Mastermind. So etwas gelingt den genialen Oberschurken in Hollywood-Thrillern, aber im behäbigen, Trollinger-geschwängerten Stuttgart wirkt das mit dem vorhandenen „Tatort“-Personal einfach deplatziert.

Die entführte Tochter stürzt Bootz in eine existenzielle Not zwischen Kinderliebe und Pflichterfüllung, die ihn zum Finale sogar hin zur Selbsttötung treibt. Schon wieder so ein vermeintlicher Spannungshöhepunkt, der im Nichts endet. Der Schuss von unten durch den Kiefer ins Hirn geht natürlich schief. Das muss so sein, weil Lannert braucht Bootz noch eine Weile und die ARD braucht das Ermittlerduo, denn im Südwesten würden sonst die „Tatort“-Lichter ausgehen.

Aber der verpatzte Suizid vor den Augen des Rächers und Entführers ist nicht das Einzige, was in diesem Stuttgarter „Tatort“ schief läuft. Der Plot wirkt so überzogen, dass von der früher oft deutlich erlebbaren Stuttgarter Authentizität nichts mehr zu spüren ist. Vieles bleibt formelhaft, undurchdacht und rutscht am Ende sogar in gefühlsduseligen Kitsch ab.

Am Ende war ich froh, dass die 90 Minuten endlich vorbei waren. Reine Zeitverschwendung. 

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