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TV-Kolumne PZ-zapp

PZ-zapp: Ein müder "Tatort: Hanglage mit Aussicht".
PZ-zapp: Ein müder "Tatort: Hanglage mit Aussicht" © PZ
27.08.2012

PZ-zapp: Ein müder "Tatort: Hanglage mit Aussicht"

Das Beste gleich vorweg: Die „Tatort“-Sommerpause ist vorbei. Es macht endlich wieder Sinn, am Sonntagabend den Fernseher einzuschalten. Kein Streit mehr mit dem Partner daheim auf der Couch, selbst die Kinder fügen sich in ihr Schicksal. Am Sonntag um 20.15 Uhr flimmert in deutschen Haushalten nur das ARD-Programm über die Mattscheibe. Und seit einigen Monaten dürfen wir sogar erleben, wie es um die schlimme Welt des Verbrechens in der heilen Welt der braven Schweizer Bürger bestellt ist. Aber das mit den „Tatort“-Folgen aus der Schweiz, das ist so eine Sache.

Viel Gegend. Viel Alm-Öhis. Viel kurioses Deutsch. Das Schweizer Fernsehen hatte zehn Jahre lang beim „Tatort“ pausiert. Was haben die Eidgenossen dann bloß sonntags getan? Brotstückchen im Käsefondue verlieren, langweilt doch auf Dauer. Oderrr? Franken zählen? Kuhkämpfe bestaunen? Zugereiste und Minarette verdammen? CDs mit Steuersünder-Daten brennen? Die TV-Macher aus dem südlichen Alpen-Bollwerk gegen alles Unbürgerliche hätten ja ruhig einmal „Tatort“ üben können.

Der erste Beitrag war mies, der zweite gut, der dritte so dazwischen. In der am Sonntag gezeigten Folge "Tatort: Hanglage mit Aussicht" wird zwar ein spannendes Thema angerissen, aber irgendwie war mir das alles zu durchsichtig, zu grob geschnitzt. Und Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) seilbahnt sich als seltsamer Heiliger durch den ganzen Fernsehabend, dass Zuschauer mit Höhenangst die Hälfte der Sendung mit geschlossenen Augen vor der Glotze hocken.

Der gute, liebe Flückiger weiß anscheinend genau, wer nicht als Täter in Frage kommt. Der Bauer und Ausflugslokal-Mitbesitzer Rolf Arnold (Peter Freiburghaus) darf den urigen Sausebraus spielen, der mal eben eine Polizistin mit der Pistole und einen Bösewicht mit der Mistgabel bedroht. Aber von Flückiger braucht der aggressive Alm-Öhi nichts zu befürchten. Auch mit einem anderen Verdächtigen, dem er zuerst hinterherrennt, sitzt er später vergnüglich beim Spaghettiessen, obwohl der junge Bursche einen psychisch höchst instabilen Eindruck macht. Aber Flückiger hat eben ein Gespür. Ein Bauchgefühl. Oder eine Vision vom Täter. Ob die Visionen vom vielen Seilbahnfahren kommen?

Nebenbei schlüpft der Ermittler auch noch in fremde Gummistiefel – da will man später nicht an den Socken riechen – und versorgt die hungrigen Schweine der netten Alm-Öhi-Tochter Claudia (Sarah Sophie Meyer). Die Schweizer Polizei, dein Freund und Helfer. Bei mir daheim stapelt sich der Abwasch, aber auf die Idee, die Helfer von der 110 anzurufen, bin ich hierzulande aber noch nicht gekommen.

Immerhin siegt das Gute auf ganzer Linie: Am Ende ist ein abgebrühter Großinvestor tot, ein zockender Banker der Mörder, ein aalglatter Jurist der entlarvte Hintermann und ein schleimiger Politiker der Gelackmeierte. Jetzt kann im Berggasthof Wissifluh wieder Heidi mit dem Geißenpeter spielen. Der Schweinestall bleibt, das Wellnesshotel wird nicht gebaut.

Viel Thema, viel gute Absicht, aber mäßige Spannung, wenig Humor. Wer es liebt, dass die Gier der Reichen bloßgestellt und die skrupellosen Ausverkäufer der idyllischen Heimat, die vor keiner Gemeinheit zurückschreckende Beton- und Beziehungsmafia bestraft werden, der durfte sich über diesen Schweizer „Tatort“ freuen. Wer es gerne ein bisschen subtiler mag, muss eben auf den nächsten „Tatort“ warten. Thomas Kurtz

PS: Fast vergessen. Das liebe ich an den Schweizer "Tatorten". Da sagt der Vorgesetzte zum Kommissar Flückiger gleich zweimal, er soll doch bitte "kein Büro aufmachen". Das ist Schweizer Lebensart. Immer fleißig, immer ökonomisch denkend. Hierzulande hätte er gesagt: "Mach bloß kein Fass auf." Biertrinken als deutsche Leitkultur - manchmal lebt es sich auch außerhalb von Steueroasen ganz angenehm.

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