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© dpa/Fotolia/Dietz
10.06.2014

PZ-zapp: Fesselnder "Tatort: Freigang" aus lasterhaftem Stuttgart

Zuffenhausen, das ist Porsche. Und dann kommt lange gar nichts. Seit Pfingstmontag verbinden „Tatort“-Fans damit aber auch einen scheinbar fidelen, letztlich erschreckend mörderischen Knast, in dem Wärter und Inhaftierte einen Freundeskreis bilden, in dem eine Hand die andere wäscht und der King alles regelt und Umschläge mit Bargeld verteilt. Schön, dass vor der "Tatort"-Sommerpause noch einmal mit "Tatort: Freigang" ein spannender Knast-Krimi gezeigt wurde, obendrein aus Stuttgart und mit reichlich eingestreuten schwäbischen Klängen.

Sieht man einmal von den sprachlichen Heimatgefühlen ab, die sich meiner Einschätzung nach hier mehr als sonst entwickeln konnten, haben die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) einen mehr als nur soliden Film abgeliefert. Früher wirkten mir die beiden oft irgendwie zu bieder, zu brav, zu normal. Jetzt dürfen sie mehr Profil, mehr Ecken und Kanten zeigen, und das wirkt sich auf den ganzen Stuttgarter „Tatort“ positiv aus.

Richy Müller und sein alter Porsche 911 – Zuffenhausen lässt grüßen – hat mir dabei schon immer am besten gefallen. Dieses Mal muss er als Wärter undercover in dem Knast arbeiten, in dem verurteilte Mörder sich mit Drogen eindecken und auch schon mal auf einem Freigang die Ex-Freundin ermorden können. Der Mann hinter diesem System ist der von allen respektvoll King genannte Elvis-Fan, Puff-Stammgast und Sicherheitschef Franke (Herbert Knaup). In den Verfilmungen der Bayern-Krimis des Autorenduos Volker Klüpfel und Michael Kobr spielte Knaup den kauzigen, aber hoch anständigen, Blasmusik spielenden Kommissar Kluftinger. Dieses Mal zeigte er eindrucksvoll den bösen Buben, der eiskalt sein Knast-Imperium verteidigt und auch nicht davor zurückschreckt, einem Gefangenen den Auftrag zu erteilen, die Tochter eines alten Wärter-Kumpels und frühere Geliebte zu ermorden.

Knaup vor allem, aber auch dem ganzen „Tatort“-Team gelingt es auf subtile Art, die Spannung trotz der wohl nur mäßig realitätsnahen Geschichte ständig zu steigern. Am Ende wird Jäger Knaup selbst zum Gejagten, der noch ein letztes Mal eiskalt tötet und ganz selbstverständlich locker wie offensichtlich falsch von Notwehr spricht. Der Knast-Pate gibt eben nicht so leicht auf.

Richy Müller holt sich eine blutige Nase, bevor das SEK den Knastgang stürmt. Sein Partner hat beruflich den entspannteren und ungefährlicheren Part erwischt. Aber: Felix Klare leidet draußen an den Folgen der ihm nun endlich schriftlich zugesandten Scheidung. Das macht ihn dünnhäutig und nicht gerade zum idealen sicheren Partner für den Undercover-Einsatz. Im SM-Studio eines Puffs, dem geheimen Treffpunkt der beiden Kommissare, wirkt der genervte Kommissar Bootz so deplatziert wie sich der King dort mit einer Blonden rechts und links im Arm heimisch fühlt. Irgendwie bleibt Klare für mich in den Stuttgarter „Tatort“-Krimis immer etwas blass. Aber die fesselnde Geschichte hat auch ihn vertragen.

Schade, dass jetzt den Sommer über nur „Tatort“-Wiederholungen laufen werden. Der spannende Knast-Krimi mit reichlich schwäbischen Klängen – das war nicht immer so in den Stuttgarter Folgen – hat Lust auf Mehr, Lust auf Neues gemacht. Und inzwischen wirkt die Schwabenmetropole irgendwie gar nicht mehr so betulich. Dass die Erfinder und Hüter der Kehrwoche tatsächlich so lasterhaft und gefährlich leben, macht sie fast schon zu richtigen Großstädtern.

Bildergalerie: "Tatort"-Kommissare Lannert und Bootz in Nöttingen