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TV-Kolumne PZ-zapp

© Fotolia/Dietz
17.11.2014

PZ-zapp: Genialer Abschied von Ermittler Stark im "Tatort: Vielleicht"

Was für ein grandioser Abgang. Ob das der RBB als verantwortlicher Sender mit dem Rauswurf des Duos Ritter/Stark so vorhergesehen hat? Während die Cowboystiefel von Kommissar Till Ritter (Dominic Raacke) einfach sang- und klanglos von der Mattscheibe verschwunden sind, durfte Boris Aljinovic als Kommissar Felix Stark einen eindrucksvollen Abschied feiern und mit „Tatort: Vielleicht“ einen neuen Meilenstein setzen. Wo sonst der Realismus in all seinen bundesrepublikanischen Facetten dominiert, ist nun erstaunlich souverän das Übersinnliche eingezogen.

Umfrage

Ritter/Stark (Raacke/Aljinovic) dürfen nicht mehr für den "Tatort" aus Berlin ermitteln. Haben das beide verdient?

Ja 8%
Nein 54%
Nur Ritter (Dominic Raacke) 2%
Nur Stark (Boris Aljinovic) 1%
Mir egal 35%
Stimmen gesamt 448

Wer in schöner Regelmäßigkeit wissen will, wie es um Deutschland steht, schaut „Tatort“. Hier tauchen mit etwas Verzögerung all die kriminellen Geschichten auf, über die wir uns in der „Tagesschau“ oder auf PZ-news so aufregen, gleich ob das Thema Wirtschaftskriminalität oder Frauenhandel, Jugendgewalt oder Drogenschmuggel heißt. Natürlich neu erzählt, mit anderem Personal, variierten Ausgangsbedingungen und erweitert um ein telegenes Ende und verwoben mit den persönlichen Lebensgeschichten der Ermittler. Seit viereinhalb Jahrzehnten zeigen die „Tatort“-Krimis mit großer Verlässlichkeit deutsche Befindlichkeiten zwischen Nordsee und Alpen.

Und jetzt sind wir also plötzlich alle mystisch geworden und pflegen den Hang zum Übersinnlichen? Das wohl – so hoffe ich – noch nicht, auch wenn der ganze Esoterik-Kram boomt und sich selbst der obskurste Wahn versilbern lässt. Der Ausflug ins Fantastische hatte beim Aljinovic-Abschied eine ganz eigene Art von Bodenhaftung. Keine wabernden Nebel des Grauens, kein bedeutungsschwangerer Hokuspokus. Berlin präsentierte sich nicht im Jack-the-Ripper-Schwarz, sondern erstaunlich bunt und freundlich. Das Fantastische war selbstverständlicher Teil des Alltäglichen. Und wohl deshalb wirkte das Geheimnisvolle nicht künstlich aufgesetzt, sondern erträglich gespenstisch und als in Betracht zu ziehende Möglichkeit, wie ein Stark-Kollege mit einem Beziehungsdreieck am Flip-Chart skizzierte.

Der „Tatort“-Titel „Vielleicht“ deutet schon an: In diesem Mystery-Thriller bleibt vieles offen. Vielleicht ist das alles möglich, dass jemand wie die zerbrechliche norwegische Psychologiestudentin (sagenhaft und erfrischend neu: Lise Risom Olsen) in Träumen zukünftige Morde sieht. Vielleicht gibt es ja tatsächlich Polizeibeamte, die so jemand zuhören und nicht gleich entnervt von den Alpträumen einer scheinbar geistig Verwirrten abwinken. Vielleicht können solche Visionen tatsächlich helfen, einen kühl planenden und mordenden Vergewaltiger zu finden. Vielleicht überlebt Kommissar Stark tatsächlich die Schüsse, die ihn lebensgefährlich verletzt haben. Vielleicht kehrt er ja sogar irgendwann in den „Tatort“ zurück.

Keineswegs vielleicht, sondern ganz sicher ist: Dieser Ausflug ins Übernatürliche war spannend, fiel aus der Reihe des obligatorischen Realismus-Eintopfs und war eine angenehme Überraschung, die einem den Sonntagabendkrimi-Abschied von Boris Aljinovic betrauern lässt.

Aber der RBB hat anderes vor. Berlin selbst als Tatort im „Tatort“ soll künftig eine zentralere Rolle spielen: „Wir rücken die Konflikte unserer Stadt, die sich täglich verändert, in den Mittelpunkt unserer Geschichten“, erläuterte Filmchefin Cooky Ziesche in einer Mitteilung des Fernsehsenders das neue Konzept. Der gespenstische Ausflug in die Welt der Parapsychologie scheint also nur eine einmalige Episode gewesen zu sein. Offensichtlich will man den wohl auch geistig unbeweglichen Couch Potatoes vor der Flimmerkiste nicht zu viel Neues, Ungewohntes zumuten. Schade eigentlich.