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© Fotolia/Dietz
21.11.2016

PZ-zapp: Grandioser, melancholischer und abgründiger Tukur-"Tatort"

Nach dem „Tatort: Es lebe der Tod“ könnte es passieren, dass manche Zeitgenossen dem Apotheker ihres Vertrauens in nächster Zeit etwas reservierter, vorsichtiger begegnen. Vor allem dann, wenn es ein ruhiger, höflicher, zurückhaltender, mitfühlender Apotheker ist. Schließlich war auch der anfangs namenlose Serienmörder (Jens Harzer) im Tukur-“Tatort“ genau so ein feinsinniger, melancholischer Typ, dem man seine blutigen Taten nicht ansieht. Dass er ausgerechnet im Revier des Wiesbadener „Tatort“-Kommissars Felix Murot (Ulrich Tukur) mordet, der selbst eine von vielen Zweifeln und den Geistern der Vergangenheit gepeinigte Seele ist, macht die Verbrecherjagd zu einem schwermütigen, den Tod verherrlichenden Zwei-Personen-Thriller mit Personalgarnitur.

Der 1001. „Tatort“ hat mit der 1000. Ausgabe mit den norddeutschen Ermittlern Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Hans Borowski (Axel Milberg), die im Jubliäums-„Tatort“ von einem Mörder im Auto zu einem tödlichen Sag-die-Wahrheit-Spiel gezwungen werden, einiges gemeinsam. Auch der „Tatort: Es lebe der Tod“ erinnert an ein Kammerspiel, an ein Psychodrama, das sehr gut im Theater wie aber auch auf der großen Kinoleinwand gespielt werden könnte. Hier wie dort gibt es einen gnadenlos mordenden Verbrecher, dessen Geschichte sich zum größten Teil auf engem Raum und auf ein Minimum an Ermittlerkontakten reduzieren lässt. Der Wiesbadener Thriller freilich kommt noch abgründiger, noch spannender daher, was an Harzer und einmal mehr an Tukur liegt.

Ihr um die düstere Welt der Depression kreisendes Katz-und-Maus-Spiel geht unter die Haut. Wie krank muss man sein, um ein Serienmörder zu werden? Aber der Apotheker ist kein Schlächter, der sich am Leiden seiner Opfer ergötzt, an deren Angst weidet und sexuellen Genuss aus dem Tötungsakt zieht. Er ist „nicht so einer“. „Es war mir sehr wichtig, dass die keine Angst hatten und keine Schmerzen“, sagt der mehrfache Mörder beim Verhör. Er wollte leidende Menschen „erlösen“. Hat er gar seinen Opfern geholfen, sie von der Last des Lebens, von Schmerzen oder Selbsthass zu befreien? Gewinnt er damit Sympathiepunkte?

Fast hätte man Mitleid mit ihm haben können, doch am Ende fiebert man mehr mit Murot/Tukur mit, der bereit ist, seine von den Schatten der Kindheit (Selbstmord des Vaters) belastete Seele zu opfern, um die Tochter seiner Kollegin zu retten. Zuletzt liegt er wie die Opfer des Apothekers in der Badewanne und lässt unter Medikamenteneinfluss sein Blut auslaufen. Da spürt man einen Augenblick die Faszination des Todes, das sich Ergeben in einen Zustand der Stille, der Befreiung. Doch Murots Lebenswille erweist sich gerade noch rechtzeitig stärker als seine Depression.

Zum Glück, denn so scheint garantiert zu sein, dass man den Ausnahmeschauspieler wieder einmal in einem neuen „Tatort“ bewundern kann.

Pünktlicher Pforzheimer Schauspieler rettet Menschenleben im Tukur-“Tatort“

Am Ende hat es ein Pforzheimer Schauspieler in der Hand, beziehungsweise in den Füßen, das Leben der Tochter der Murot-Kollegin Magda Wächter (Barbara Philipp) zu retten. Ein Fahrradkurier bringt die Unterlagen ins Polizeipräsidium, mit denen die gefesselt in einer voll laufenden Badewanne liegende junge Frau vor dem Tod durch Ertrinken bewahrt werden kann. Gespielt wird der Kurier von Henning Kallweit, der in diesen Tagen am Theater Pforzheim in Grillparzers Erzählung „Das Goldene Vlies“ und im Podium-Stück „Der Junge in der Tür“ auf der Bühne zu sehen ist. Für seine Pünktlichkeit wird er aber leider nicht wie erwartet belohnt, was Kallweit die Gelegenheit gibt, enttäuscht in die Kamera zu schauen.

 

Folge verpasst?

Wer den Krimi am Sonntagabend nicht sehen konnte, sollte das unbedingt nachholen. In der ARD-Mediathek ist die Folge allerdings erst ab 12 Jahren freigegeben, weshalb man das Video nur zwischen 20 Uhr abends und 6 Uhr morgens sehen kann.