nach oben
© Dietz
10.12.2012

PZ-zapp: Hannover Klüngel im "Tatort: Wegwerfmädchen"

Da war doch mal was in Hannover. So eine Klüngelgeschichte. Politik und Wirtschaft. Christian Wulff, ein Spezi des Finanzgurus Carsten Maschmeyer, zum Beispiel hat deswegen sein Amt als Bundespräsident niederlegen müssen. Und dann war da noch der im Sexgeschäft aktive Frank Hanebuth, oberster Höllengel in Deutschland, der sich gerade mit den Honoratioren in Hannover arrangiert hatte, als ihm im Mai die GSG9 einen Hausbesuch abstattete. Wenige Wochen später löste sich das Hannover Charter der Hells Angels selbst auf. Und was hat das alles mit dem "Tatort: Wegwerfmädchen" zu tun?

Die Namen im „Tatort“-Vorspann waren andere, doch die Handlung erschien seltsam vertraut. „Mal sehen, ob ein paar reale Figuren des Hannoveraner Filzes gerichtlich gegen den NDR vorgehen“, fragt sich der „Spiegel“. Hoffentlich tun sie das nicht vor der Ausstrahlung des zweiten Teils, denn Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) muss erst noch den Mord an einer jungen Zwangsprostituierten ausermitteln, dabei den dreckigen Filz im Rocker- und Rotlichtmilieu und den etwas feiner gewirkten Filz in den Politik- und Wirtschaftskreisen ausheben.

Da ist viel zu tun. Schade nur, dass der Lichtgestalt unter den weiblichen TV-Kommissarinnen gerade in diesem Moment eine nervige Liebelei mit Benjamin Sadler dazwischenkommt. Das Thema ist so spannend, der Ort so geschwängert von Skandalgeschichten, da hätte man gut auf diese Nebenstory verzichten können.

Der Einstieg in den „Tatort“ ist so derb wie das menschenverachtende Geschäft mit den jungen Zwangsprostituierten. Da werden Frauen kurzerhand als „Wegwerfmädchen“ auf dem Müll entsorgt. Und schon sind wir beim nächsten Bezug zur bundesdeutschen Wirklichkeit: Bei den Mädchen mit den Bändchen ums Handgelenk, die auf der Sexparty einer großen deutschen Versicherung in einem Budapester Thermalbad die Versicherungsmitarbeiter bespaßten. In diesem „Tatort“ aus Hannover steckt wirklich ganz schön viel an jüngeren deutschen Skandalgeschichten drin.

Gleich vorweg: Ich will auch den zweiten Teil „Das goldene Band“ am Sonntag, 16. Dezember, wie immer 20.15 Uhr in der ARD sehen. Der Termin ist ein Muss. Zugleich ärgere ich mich über diese Verlängerung. Meine Eltern saßen noch Woche für Woche gebannt vor den Francis-Durbridge-Krimimehrteilern – wie 90 % der anderen deutschen Besitzer eines Fernsehapparates auch. Mir denken noch aus meiner Jugend die legendären TV-Vierteiler wie „Seewolf“ oder „Lederstrumpf“. Aber das ist doch längst Schnee von gestern.

Wenn ich einen „Tatort“ sehe, dann will ich nach eineinhalb Stunden wissen, ob ich den Täter richtig getippt habe. Ich mag keine Mehrteiler mehr, keine überlang aufgeblasenen Filme. Das nervt. Und hoffentlich werden diese zum zähen Erzählen neigenden Zweiteiler nicht zur neuen „Tatort“-Mode. Wer weiß, vielleicht spekuliert der „Spiegel“ ja nicht ohne Grund auf ein Einschreiten aus dem Hannover Honoratiorenkreis. Dann würde ich mich aber noch mehr ärgern, wenn ich den zweiten Teil wegen jener Clique nicht sehen dürfte. Thomas Kurtz