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TV-Kolumne PZ-zapp

© Fotolia/Dietz
01.02.2016

PZ-zapp: Höchst lebendige Geister der Vergangenheit in "Tatort: Hundstage"

Endlich wieder einmal hat der ARD-Sonntagabendkrimi bewiesen, warum so viele deutsche TV-Zuschauer die Zeit ab 20.15 Uhr für nichts anderes reserviert haben als für einen „Tatort“. Es ist schon ein paar Filme her, dass es in der PZ-zapp-Kolumne einen gehobenen Lob-Daumen gab. Der „Tatort: Hundstage“, die jüngste Mördersuche in Dortmund mit den überragend spielenden Ermittlern Faber (Jörg Hartmann) und Bönisch (Anna Schudt), lebt von Menschen in psychischen Ausnahmezuständen, von Identitätskrisen und Begegnungen, in denen die Rollen wechseln und die Masken fallen.

Das fängt schon mit dem Besuch Fabers beim Psychologen an, wo er wegen einer Dienstaufsichtsbeschwerde vorsprechen muss. Plötzlich offenbart sich der zum Kitten der Faberschen Macken angeforderte Seelenklempner selbst als offene Baustelle. Und immer drängt sich die Vergangenheit höchst lebendig und dabei furchtbar lähmend in die Gegenwart. Bei Faber ist es der Tod seiner Familie, der den Trauernden fast schon zum Autisten macht, der wie ein Elefant im Porzellanladen durchs Leben seiner Kollegen und auch der Verdächtigen trampelt. Kollegin Bönisch betrauert ebenfalls den Verlust ihres Familienidylls, kann sich nur noch an gelegentliche Telefonate klammern, in denen eher die Sprachlosigkeit den Dialog prägt. Beide haben auf andere Art und mit unterschiedlicher Endgültigkeit Kinder verloren.

So wie die Frau eines ermordet aufgefundenen Logistikmanagers. Sie hat vor 15 Jahren ihren zweijährigen Timmi bei einem Besuch im Park verloren. Entführt? Ermordet? Sie wartet in einem seltsam blutleer anmutenden großbürgerlichen Milieu auf ihn – und entdeckt ihr Kind in einem 17-Jährigen wieder, der im kleinbürgerlichen Familienidyll aufgewachsen ist – mit Vater und Mutter. Für Ermittlerin Bönisch tauchen hier wieder die Geister der Vergangenheit auf, denn die Suche nach dem verschwundenen Kleinkind Timmi war damals ihr Fall.

Faber wird diese Geister ohnehin nie los. Nicht einmal als seine Kollegin ihn in einem seltenen Fall körperlicher Nähe küsst. Eine Verzweiflungstat? Eine echte Hinwendung? Im „Tatort: Hundstage“ weiß man nie so genau, was sich wirklich hinter den Gesten verbirgt, welche Motivationen zum Handeln gezwungen haben. Das gilt auch für die jungen Faber-Kollegen Nora Dalay (Aylin Tezel) und Daniel Kossik (Stefan Konarske), die ihren Gefühlskindergarten immer noch nicht in den Griff bekommen haben. Vor allem Kossik scheint den Boden unter den Füßen zu verlieren und landet schließlich einen Faustschlag an Fabers Kinn, der ihm in seiner vordergründig wenig empathischen Art eine unangenehme Wahrheit an den Kopf knallt.

Aus einem dichten psycholgischen Drama entwickelt sich im „Tatort: Hundstage“ ein spannender Krimi, ganz ohne Blutspritzer, dafür durchaus mit überraschenden Wendungen. Keine Begegnung, die nicht irgendwie zu einer Selbstbeschau führt, zu einem Blick unter die eigene Haut. Heil ist keine Figur aus diesem Krimi herausgegangen. Gibt es überhaupt so etwas wie Heilung für von der Vergangenheit und von Verlusten geprägte Menschen? Im Dortmunder „Tatort“ sieht noch nicht danach aus. Aber das macht diese Filme so bewegend. Bitte bald mehr davon.