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© Dietz/Fotolia
09.11.2015

PZ-zapp: Im Münster-Tatort taucht der Krimispaß ab

Eigentlich liebe ich Professor Boerne (Jan Josef Liefers) und Kommissar Thiel (Axel Prahl). Sie haben mit geschliffenem Witz und albernem Schabernack der alte Tante „Tatort“ neues Leben eingehaucht. Oft und gerne politisch unkorrekt, nach allen Ecken austeilend und doch immer auch sympathisch menschelnd, zwischen elegantem Wortwitz und Slapstick wechselnd – das ungleiche Ermittlerduo ist Kult. Nur im jüngsten Münster-Krimi „Tatort: Schwanensee“ wollte die Mischung nicht so recht zünden. Der Krimispaß taucht leider phasenweise ab

Immer dann, wenn der arrogante, snobistische Leichenaufschneider und Hobbydirigent mit Hang zum teuren Rotwein auf den Flaschenbier trinkenden, radelnden und die Wampe unterm St.-Pauli-Fanshirt kratzenden Ermittler-Proll trifft, sprühen die Funken, fallen intelligente Sätze, die in jede moderne Zitatensammlung gehören. Von diesen lakonischen, zynischen, frechen Dialogen gab es mir dieses Mal zu wenig. Boerne hat zwei bemühte Schenkelklopfer-Auftritte, als er im Taucheranzug und mit angesetztem Pressluftflaschen-Mundstück telefonieren will und als er, als Fassadenkletterer, im albernen Comic-Stil verkleidet, in eine Therapieeinrichtung einbricht. Dann ist da noch die mühsame Verfolgungsjagd im Riesenschwan-Tretboot, die ohne quietschende Reifen und Crash-Orgien auskommt und einen hilflos in die Luft schießenden Thiel zeigt, dem sein Freund-Feind-Kompagnon erklären muss, dass ein finaler Rettungsschuss eine zu allem entschlossene Selbstmörderin wohl nicht aufhalten wird.

Es gab sie, die Schmunzelmomente, für die das Ermittlerduo aus Münster von vielen „Tatort“-Fans geliebt wird. Und es hätte sich in der Umgebung von hoch intelligenten Autisten, alle und alles beleidigenden Zwangsneurotikern, sexsüchtigen Omas und sich gleichzeitig beim Tai-Chi die Arme brechenden Zwillingen sicherlich noch mehr Raum für Kalauer ergeben, wenn es denn die Geschichte oder der Regisseur zugelassen hätte.

Es geht um den Mord an einer BKA-Kollegin, die auf eigene Faust einen Steuerbetrug im großen Stil aufdecken will, der von höchster Stelle bei der Steuerfahndung gedeckt wird. Einer der guten, unbestechlichen Steuerprüfer, der mit höchster mathematischer Präzision dem Betrug auf die Schliche gekommen ist, verschwindet nach dem Gefälligkeits-Gutachten eines fiesen Psychoklempners in der Klapse, die keine klassische Irrenanstalt mit Gummizellen und Zwangsjacken ist, sondern wie ein kalt-modernes Hochglanz-Bürohaus mit eigenem Indoorpool im städtischen Hallenbad-Format anmutet. Klar, dass dieses Zahlengenie ein Autist ist und vom bösen Psychodoc mit Tabletten ruhiggestellt wird, um den Steuerbetrug unbehindert weiterlaufen zu lassen.

Na ja, die Krimis aus Münster müssen nicht realistische Bezüge vorweisen, um überzeugend zu wirken. Das packende Sozialdrama, den atemlosen Thriller, die von echter Polizeiarbeit geprägte Mördersuche erwartet man von anderen „Tatort“-Teams. Aber die Filme aus Münster müssen auf das witzige Duo Boerne/Thiel ausgerichtet sein, wenn die Krimis so richtig unterhaltsam sein sollen. Und das war bei „Schwanensee“ leider nicht der Fall. Dafür gibt es nur den „neutralen Mittelmaß-Daumen“, gleichwohl ich trotzdem und weiterhin Liefers und Prahl zu den Glücksmomenten im deutschen Fernsehen zähle.