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13.11.2017

PZ-zapp: Klassenkampf-Revival im "Tatort: Auge um Auge"

In der ARD gibt man sich beim Sonntagabendkrimi wieder etwas ruhiger. Nach all den Experimenten mit nackten Tatsachen und nebulösem Horror kommt der „Tatort: Auge um Auge“ wieder als klassische Mördersuche daher. Der Krimi aus Dresden ist zwar nicht sonderlich spektakulär, aber auch nicht so nervig wie einige „Tatort“-Filme nach der Sommerpause.

Es ist nicht das erste Mal, dass mich so ein „Tatort“ aus dem Osten der Republik an alte DDR-Filme erinnert. Irgendwie scheint das Thema Klassenkampf mit der scharfen Trennung zwischen Gut und Böse, zwischen Ausgebeutetem und Ausbeuter immer noch durch die Szenen und Dialoge zu wehen. Und das in einer Stadt, in der die deutschtümelnden, ums christliche Abendland fürchtenden Pegida-Volksgenossen immer noch Parolen brüllend und Verschwörungstheorien spinnend durch die Straßen ziehen. „Die Leute draußen wüten gegen die armen Schweine, aber keiner wütet gegen die reichen Schweine.“ Dieses Statement aus dem Wir-da-unten-und-die-da-oben-Versicherungsskandal-Krimi hätte auch Karl-Eduard von Schnitzler in seiner Agitationssendung „Der schwarze Kanal“ sagen können, wenn er etwas lockerer gewesen wäre.

In der Alva-Versicherung arbeitet jeder gegen jeden und für ein Höchstmaß an Profit. Dabei geht es gar nicht mehr um den Versicherungsvertreter, der bei seinen vielen Bekannten am Wohnzimmertisch sitzt und seine Broschüren ausbreitet, in denen einem das Leben als Aneinanderreihung existenzvernichtender Krisen und Notfälle geschildert wird, für die es jedoch immer eine passende, maßgeschneiderte Versicherung gibt. Das Thema ist erledigt. Jetzt geht es um die Auszahlung der Versicherungsgelder. Genauer: Um das Verhindern der Auszahlung.

Da wird selbst einem Rollstuhlfahrer die offensichtliche Berufsunfähigkeit verweigert. Bezahlte Gefälligkeitsgutachten und das bei den betroffenen Versicherungsnehmern jeden Widerstand brechende Spiel auf Zeit machen es möglich, dass die Versicherungssummen nicht mehr an die Opfer jener Notfälle aus den Broschüren abfließen. Klassische kapitalistische Abzocke – und keiner tut etwas dagegen, weil ja alle für so viel Größeres regelmäßig durch Dresden marschieren müssen.

Das spiegelt sich auch im von gegenseitiger Abneigung geprägten Miteinander der Ermittlerin Henni Sieland (Alwara Höfels) und ihrem Vorgesetzten Peter Michael Schnabel (Martin Brambach). Sie, die engagierte Gutmenschin, hilft einer syrischen Familie, weil das in dieser von fremdenfeindlichen Merkel-nein-danke-Aktionen geprägten Stadt einfach jemand tun muss, und verliert dabei ihre ohnehin brüchige Beziehung. Er, der zum Dämlichen neigende, pedantische Rassist, freundet sich mit dem schmierigen, gewissenlosen Versicherungsmitarbeiter (Arnd Klawitter) an, der vom Tod seines erschossenen Kollegen, zum Glück nur für einen kurzen Moment gespielt von der „heute show“-Ikone der zappeligen Hyperaktivität, Alexander Schubert, profitiert. Zwischendrin bewegt sich Ermittlerin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) am Rande der Unsichtbarkeit.

Etwas holzschnitthaft mutet das alles an. Etwas zu viel Klischees und Stereotypen. Auch die angedeutete Portion Komik zündet nicht wirklich. Und trotzdem besitzt der „Tatort: Auge um Auge“ genügend Spannung, um bei der Mördersuche mit leicht erhöhter Temperatur mitfiebern zu lassen.

Dafür gibt es den PZ-zapp-Durchschnittsdaumen.

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So sah es dpa-Kollegin Simona Block in der Vorschau: "Das passiert heute im Tatort 'Auge um Auge'"