nach oben

TV-Kolumne PZ-zapp

Knaller und Klischees: Ein Polizeiruf zum Vergessen.
Knaller und Klischees: Ein Polizeiruf zum Vergessen © PZ-Montage
21.05.2012

PZ-zapp: Knaller und Klischees - ein Polizeiruf zum Vergessen

Wow. Ich bin platt. Der Polizeiruf „Bullenklatschen“ hatte doch endlich mal wieder alle Zutaten, die ein spannender Sonntag-Abend-Krimi braucht: Böse Bonzen, die die Mieten der prügelnden Punks in die Höhe treiben (Sozialkritik!). Viel Feuer, viel Rauch, viel Knallerei – fast wie bei den letzten Fußball-Spielen (Aktualität!). Drei Verdächtige, die entweder kein Motiv haben oder keine Gelegenheit (Spannung!).

Wie gesagt: Ich bin wirklich platt. Denn dieser perfekten Zutaten zum Trotz haben es die Hauptkommissare Herbert Schmücke (Jaecki Schwarz) und Herbert Schneider (Wolfgang Winkler) gemeinsam mit Oberkommissarin Nora Lindner (Isabell Gerschke) verstanden, einen Polizeiruf 110 zu kreieren, der 90 Minuten lang an das Spiel des FC Chelsea im Champions-League-Finale erinnerte: Uninspiriert. Unattraktiv. Ärgerlich. Und ja, auch erfolgreich: Denn der Mörder (Gerdy Zint als Johannes Majewski) wurde dieses Mal sogar gefasst. Der war vor vier Jahren vom nun erschossenen Polizisten unschuldig in den Knast gebracht worden. Während seines Freigangs besucht Majewski zufällig ein Hoffest, bei dem ein Architekt Spekulanten und Hausbesetzer versöhnen will. Wegen Ruhestörung kommt zufällig der Beamte, der ihn einst hinter Gitter gebracht hat. Zufällig kommt es zu Krawallen, zufällig steht der Verurteilte in einer Werkstatt dem Polizisten gegenüber. Zufällig erschießt Majewski ihn. Sachen gibt’s. Genug der Überraschungen? Mitnichten. Weiter, immer weiter geht es mit den Zufällen: Die Spurensicherung sucht und sucht und sucht nach Patronen, findet immerhin drei. Da erfahren die beiden Kommissare: Es sind mehr Schüsse gefallen. Ein kurzer Blick, ein schneller Griff: Schmücke und Schneider halten eine weitere Patrone in der Hand. Und noch eine. Und da ist ja auch noch ein Einschussloch. Schon hier wird klar: Bei der Spurensicherung wären die beiden betagten Herren besser aufgehoben als bei der Kripo.

Da verwickelt sich die Polizistin Ilka Grein (Theresa Scholze) in Widersprüche, lügt wieder und wieder. Mit Polizeigewalt ins Kittchen gezerrt wird trotzdem ein anderer. Dagegen spaziert die Polizistin grübelnd – und auf freiem Fuß – durchs Revier: Darf die Akten anderer Verdächtiger lesen. Darf weiter lügen. Darf sich am Ende auch umbringen. Sicher verwahrt ist dagegen der Linksalternative, bei dem der MDR tief in der Mottenkiste unter dem Stichwort „unangepasst“ gekramt hat: „Scheiß Bullen“ sagt er, raucht und trägt auch noch ein Palästinensertuch. Überhaupt, diese Linken. So stellt sich also die nach jungem Publikum lechzende ARD die Punk-Szene vor: Akkurat rasierte Bärte, die Haare – zumindest vor den Krawallen – feinsäuberlich gestylt. Und weil sie so glaubwürdig sind, sagen sie auch Sätze wie „Sie sind ein billiger Handlanger kapitalistischer Unterdrücker“. Natürlich. Und nächste Woche bilden wir einen Stuhlkreis und lesen uns gegenseitig aus Karl Marx' „Das Kapital“ vor.

Die Folge der übertriebenen Klischees und überbordenden Zufälle: Die Glaubwürdigkeit dieses Polizeirufs tendiert gegen Null: Die Halswunde der Polizistin Grein erinnern eher an Knutschflecke denn an Kampfspuren. Ihre Platzwunde verändert während einer Szene das Aussehen. Und: Sie scheint ein Alibi zu haben, weil in ihrer Pistole keine Patronen fehlen. 20 Sendeminuten brauchen die Herren Schmücke und Schneider, bis ihnen einfällt, dass die Kollegin auch nachgeladen haben könnte. Weitere 35 Minuten vergehen, bis sie anhand der Seriennummer feststellen, dass das gar nicht ihre Pistole war. Meine Herren: Zeit für die Rente!

Dazwischen bekommt der geneigte Kriminalfan Schnittbilder vorgesetzt: Absperrbänder im Wind. Kerze auf dem Boden. Der Verkehr in Halle/Saale. Wie schön? Wie überflüssig! Das trifft auch auf die meisten Dialoge zu: „Hallo? Ich bin Kriminalistin“, sagt Kommissarin Lindner, weil sie sich merken kann, wo eine Leiter stand. Ja, Frau Lindner, das sind Sie. Aber leider keine Schauspielerin. „Irgendwann wird er einen Fehler machen“, hofft Kommissar Schmücke leicht resigniert, als er nach zehn Minuten zu glauben weiß, wer der Täter ist. Den Verdächtigen in dem Haus suchen, in dem er gemeldet ist? Das fällt ihm erst später ein.

Gänzlich vergessen hat Regisseur Thorsten Schmidt bei aller Klischee-Kramerei indes die so wortgewaltig eingeführte Gentrifizierung: Die Punks sind sauer auf die Cognac schwenkenden „Bonzen“ und die „Scheiß Spekulanten“, weil ihre Mieten steigen. Und auch jene Neureichen wollen ihre Nachbarn samt deren „Schandfleck“ vertreiben. Soweit, so gut? Soweit, so vergessen: Der Eingangs-Plot wird totgeschwiegen.

Das ist schade. Und ärgerlich – wie so vieles an diesem Polizeiruf. Noch einmal werden Schmücke und Schneider übrigens ermitteln, dann schickt der MDR sie in Rente – oder zur Spusi. Endlich.