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TV-Kolumne PZ-zapp

11.03.2013

PZ-zapp: Schützenkönig Til Schweiger killt den "Tatort"

Jetzt ist Hamburg wieder sicher. Til Schweiger alias „Tatort“-Kommissar Nick Tschiller ballert die bösen Buben einfach weg, als gelte es, beim Scheibenschießen die schwarze Zehn mit den Kugeln zu zerfetzen. Schützenkönig Schweiger leert ein ums andere Magazin und lässt dabei Bruce Willis, Vin Diesel oder Steven Seagal wie Regenbogenfähnchen schwingende Friedensaktivisten aussehen. Wer den einsilbigen Mimikverweigerer und seinen inhaltsbefreiten Action-Trash mag, wird mit der C-klassigen Hollywood-Kopie am Sonntagabend in der ARD zufrieden gewesen sein. Ein „Tatort“ jedenfalls war es nicht.

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Allenfalls ein „Tilort“. Eine neue Kategorie des öffentlich-rechtlichen Familienkrimis mit dem besonderen Kultfaktor. „Tilort“, das ist ein bisschen „Driven“ und ein bisschen „Kokowääh“, das sind bekannte Schauspieler-Gesichter aus der Schweiger-Entourage und eine seiner vielen Töchter (ob die Filmgage bei Schweiger automatisch mit den Unterhaltszahlungen und dem Taschengeld verrechnet wird?).

Und weil man in der ARD wohl glaubt, den Sonntagabend jünger, cooler und blöder machen zu müssen, rast der neue „Tilort“ mit „Alarm für Cobra 11“ um die Wette. Wobei die RTL-Helden nur mit dem heißen Schlitten über die Autobahn hetzen, während der einsame Schweiger-Wolf dem dunklen Böse-Buben-Transporter zu Fuß hinterherjagt, diesen locker einholt und mal eben während der Fahrt die Schiebetüre öffnet und dem Mädchen würgenden Halunken kräftig in die Fresse tritt. Das ist wahrer Sportsgeist und origineller als mit dem Blaulicht-BMW über brennende Lastwagen zu fliegen.

Super-Til kriegt sie alle. Und wenn Hamburgs Kiez endlich komplett durchsiebt ist, knallt er den Rest der Welt verbrecherfrei. Aber: Er muss das alleine machen. Mit einem SEK-Trupp stürmt er nur ein Gebäude, wenn da garantiert niemand ist, der das Feuergefecht eröffnen könnte. Das ist allein der Schweiger-Job. Reingehen, umsehen, losballern.

Damit es nicht ganz so weltfremd aussieht, darf ein lustiger Polizistenkumpel mitmischen. Der hat zwar ein loses Mundwerk und ein wahres Feuerwerk an verschiedenen Gesichtsausdrücken parat, kann aber Super-Til trotzdem nicht das Wasser reichen. Deshalb wird er gleich zu Beginn des Films krankenhausreif geschossen. Erst am Schluss darf er im Rollstuhl wieder in die Actionzone einrollen und sich als witzige Hilfskraft beweisen.

Nicht unerwähnt lassen sollte man in diesem Zusammenhang, dass jener Kollege Gümer (Fahri Yardim) vom Krankenbett aus alle Computer dieser Welt mit seinem Laptop hacken und steuern kann. Kein Code, den er nicht knackt. Gümer ist das digitale Mastermind, das Nerd-Hirn mit dem Herz am rechten Fleck und dem pubertären Ich-starre-dir-auf-den-Po-Gehabe pickliger PC-Junkies.

Und Tschiller ist der stoisch aus dem zerkratzten, blutverschmierten Gesicht starrende apokalyptische Reiter, der gnadenlos übers Land zieht und osteuropäische oder vorderasiatische Mädchenhändler mit einem tödlichen Kugelhagel eindeckt. Leichen pflastern seinen Weg. Hamburgs Sargtischler haben Hochkonjunktur.

Schweiger tut, was ein Mann tun muss. Kämpfen. Und nicht reden. Wenn er einmal ganze Sätze sagt, dann solche bedeutungsschwangeren, wie für die Ewigkeit in Stein gemeißelten Dialogschnipsel wie: „Mann, Max, wir sind zusammen durch den Dreck.“ Nur einmal musste ich aufhorchen und dem Til und seinen „Tilort“-Machern ein Lob notieren. „Mit T. Ich nuschel ein bisschen“, sagt Tschiller zu einer Empfangsdame, die seinen Namen nicht richtig versteht. Diese Perle an Selbstironie, dieser geschliffene Dialog-Diamant waren für mich der Höhepunkt im „Tatort: Willkommen in Hamburg“.

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