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TV-Kolumne PZ-zapp

© Dietz
26.11.2012

PZ-zapp: Slapstick-"Tatort" mit Boerne und Thiel

Wenn Rechtsmediziner Professor Boerne (Jan Josef Liefers) und Kriminalhauptkommissar Thiel (Axel Prahl) in Münster und Umgebung ermitteln, dann geht es oft nicht nur um einen Mord, sondern um das Verhältnis der beiden untereinander, um die Spannung zwischen Klavier spielendem Kulturmensch und im FC-St.-Pauli-Shirt schlafenden Proleten. Und das Verhältnis birgt jede Menge Stoff für Albernheiten jeglicher Qualitätsstufe. Und genau das liebe ich.

„Tatort“-Puristen mag das zu wenig „Tatort“ sein, zu wenig alte Ermittlerschule, zu wenig Sozialdrama, zu wenig Wir-leiden-so-furchtbar-an-der-Welt. Stimmt ja auch alles. Beim „Tatort“ aus Münster frage ich nicht unbedingt, ob die Geschichte denn tatsächlich real sein könnte, ob die Lösung des Falles logisch und wirklichkeitsnah erarbeitet wurde. Wieso auch? Ich werde gut unterhalten. Das allein zählt für mich – und das ist für das Fernsehen heutzutage nicht unbedingt der Normalfall.

Spannung und Spaß, Überraschungen und Tabubrüche, herrlicher Blödsinn und durchaus ernsthafte Betrachtungen – Boerne und Thiel, zwei schräge Typen mit nicht minder schrägem Anhang in einem Münsterschen Kosmos der abgründigen Biederkeit und erschreckenden Provinzialität adeln die „Tatort“-Reihe auf eigene Art. In der jüngsten Folge „Das Wunder von Wolbeck“ wird allerdings reichlich tief in die Slapstickkiste gegriffen. Da pupst ein Wiederkäuer dem sich mal eben so als Tierarzt versuchenden Boerne etwas feucht ins Gesicht. Drei bauernschlaue Samenspender Marke norddeutscher Flachlandtrottel träumen davon, dass sich ihre Gene in den Hochadel dieser Welt eingeschlichen haben.

Es geht um die Fruchtbarkeit – beim Mordfall und bei der Parallelgeschichte mit einem Bullen, der seine willigen Kühe nicht mehr bespringen will. Unerfüllte Kinderwünsche sind die Spezialität des Heilers, der verblutet in seiner Praxis aufgefunden wird. Bis der Täter gefunden wird, müssen jede Menge illegal beschaffte Vaterschaftstests ausgewertet werden. Das ist spannend und komisch zugleich. Das eigentliche Thema, unter dem Ehepaare lange leiden und oft auch scheitern, bleibt dabei auf der Strecke.

Aber das können ja andere Ermittler in einem anderen „Tatort“ abhandeln. Das Pärchen aus Münster muss nicht auch noch die ganze Schwere der menschlichen Abgründe auf den Schultern tragen, Boerne und Thiel dürfen ruhig weiter ihren Unfug treiben und sich zoffen, sich dem Triebhaften in seinen seltsamen Auswüchsen auf nicht minder seltsame Art hingeben. Etwas mehr schwarzer Humor statt purem Klamauk wäre nicht schlecht. Aber ich will nicht meckern. Darauf ein Münsteraner Altbier von Pinkus Müller. Thomas Kurtz

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