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© Fotolia/Dietz
24.11.2014

PZ-zapp: Spannender Stuttgarter "Tatort" überzeugt auf klassische Art

Es ist nicht lustig, ein Polizist zu sein. "Mit einem Bein steht man im Gefängnis, mit dem anderen auf dem Friedhof", sagt Kommissar Lannert (Richy Müller) im Stuttgarter "Tatort: Eine Frage des Gewissens". Er muss nach einem finalen Rettungsschuss bei einer Geiselnahme in einem Supermarkt eine Anhörung erdulden, bei der sein Kollege Bootz (Felix Klare) für ihn lügt. Und dann wird es auf gute, alte „Tatort“-Art richtig spannend.

Nach der Sommerpause habe ich mich schon mehrfach über gelungene „Tatort“-Experimente freuen können, über das große Shakespeare-Tarantino-Kino mit Ulrich Tukur in „Tatort: Im Schmerz geboren“ oder den übersinnlichen Boris-Aljinovic-Abschied in "Tatort: Vielleicht". Das war neu und aufregend. Und jetzt kommen Lannert und Bootz und machen alles so wie immer – und sie machen es richtig gut.

Bootz, der sich nach seiner Trennung von seiner Frau immer mehr dem Suff und dem Selbstmitleid ergibt, weckt Anteilnahme. Lannert bleib cool, weiß zuerst alles besser und schätzt dann am Ende doch den illegalen Freundschaftsdienst. Beide weigern sich zwar beharrlich, ebbes schwäbisch zom schwätza, aber mich als Badener stört das nur am Rande. Das sprachliche Lokalkolorit übernimmt die Tübinger Clique aus ehemaligen Hausbesetzern, Junkies und Supermarkt-Räubern. Es ist nun wirklich kein „Tatort“, der seiner ganz spezifischen Eigenheiten wegen nur in Stuttgart oder im Schwäbischen spielen kann, es ist einfach ein spannender Fernsehkrimi, für den man den Sonntagabend auf der Couch mal wieder zu Recht freigehalten hat.

Für reichlich Spannung sorgen die Dialoge, auch zwischen den beiden sich scheinbar voneinander entfernenden Ermittlern, und die Auseinandersetzungen bei der Anhörung. An manchen Stellen spricht sogar die Stille, die Wortlosigkeit das ganz deutlich aus, für das es gerade nicht die richtigen Worte gibt. Ich habe daher weder Blutspritzorgien in Zeitlupe noch Blaulichtverfolgungsjagden durch den Stadtdschungel vermisst.

Die Stuttgarter lieferten solide, engagierte Polizei-Teamarbeit ab, auch wenn sie zunächst Fehler machten, die ihren Gegner in der Geiselnahme-Anhörung reichlich Munition lieferten. Bootz erwies sich als Schwachpunkt. Zuerst gibt er seinem Kollegen Lannert etwas holprig Rückendeckung, dann endet sein Alleingang bei einer außerplanmäßigen Vernehmung einer Zeugin mit Vorwürfen, deren Tod möglicherweise herbeigeführt zu haben. Kein Wunder, dass sich der Rechtsanwalt (Michael Rotschopf), der die Mutter des erschossenen Geiselnehmers vertritt, auf den labilen Kommissar mit Alkoholproblem einschießt.

Die Diskussionen bei der Anhörung schmerzen. Lannert hat doch alles richtig gemacht, wahrscheinlich ein Menschenleben gerettet, vielleicht sogar mehrere. Und doch kann ein perfider Anwalt diesen finalen Rettungsschuss als Willkürakt hinstellen, als üblen Akt der omnipräsenten Polizeigewalt. Der Zuschauer weiß, dass hier Täter und Opfer verwechselt werden, dass der Gute doch nur Gutes getan hat. Aber so sehr auch diese Wortgefechte bewegen und einseitig Sympathie wecken, so sehr muss man sich dessen bewusst sein, dass in einem Rechtsstaat eben erst dann Recht gesprochen wird, wenn nach Untersuchungen und Befragungen und einem alle Seiten umfassenden Meinungsbild Recht von Unrecht getrennt werden kann. Diesem Vorgehen müssen sich auch Polizisten stellen, gleichwohl ihr Arbeitsalltag immer einem komplizierten Balanceakt auf dem schmalen Grat der Paragraphen gleicht, mit zahlreichen Hindernissen, die ihnen von allen möglichen Seiten in den Weg gestellt werden. Alles nur Schikane für die Hüter von Recht und Ordnung?

Im Stuttgarter „Tatort“ wirkt es ein bisschen so, als müssten Polizisten und Krimizuschauer an diesem System verzweifeln. Aber nur wenn Richter solche Vorkommnisse unvoreingenommen untersuchen, kann garantiert werden, dass die Polizei weiter ein Stützpfeiler der Rechtsstaatlichkeit sein kann. Vergnügungssteuerpflichtig ist der Beruf des Polizisten wahrlich nicht. 

Bildergalerie: "Tatort"-Kommissare Lannert und Bootz in Nöttingen

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