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TV-Kolumne PZ-zapp

pz-zapp-15-tok-negativ © Fotolia/Seibel/Dietz
16.11.2015

PZ-zapp: "Tatort: Ätzend" aus Berlin – viel Verwesung, wenig Krimi

Ganz schön ätzend, der „Tatort: Ätzend“. Ich konnte mich noch so ungefähr an die Premiere derBerliner Ermittler Robert Karow (Mark Waschke) und Nina Rubin (Meret Becker) erinnern, an die Geschichte mit dem vertuschten Mord am früheren Karow-Kollegen, doch hatte ich bei der zweiten Folge immer das Gefühl, den roten Faden verloren zu haben oder unvermittelt und ohne Vorkenntnisse in einer späteren Folge eines Krimi-Vierteilers gelandet zu sein. So wird das nichts mit der Erneuerung des „Tatorts“ aus der Bundeshauptstadt.

Ich weiß nicht, was gruseliger war, das Schwelgen in stark verwesten Leichen und in schaurigen Säureverletzungen, das Herausfischen von Herzschrittmachern aus einem Berg frisch herausgeschnittener Innereien oder die irgendwie arg konstruierte und letztlich leblos anmutende Handlung. „Viele Bilder, viele schnelle Schnitte, viel Blut, viel Grauen, viel angefangene Nebengeschichten – der „Tatort: Das Muli“ fordert die volle Konzentration. Das muss man aushalten können, dafür aber wird man mit einem spannenden Krimi aus Berlin belohnt, der so hektisch und so radikal wie die Hauptstadt ist.“ Das habe ich vor rund acht Monaten geschrieben, als die Berliner Karow und Rubin ihren ersten Fall lösten. Im „Tatort: Ätzend“ fand ich dieses scheinbar schwer in Mode gekommene, rasante Erzählen mehrerer Geschichten eher öde und aufgesetzt.

Wie oft muss man noch sein Gedächtnis quälen, um Karow auf der Suche nach seinem Kollegenmörder folgen zu können? Das Ganze kommt häppchenweise als große Verschwörung, als blutiger Polizeiskandal daher und wird hoffentlich bald aufgeklärt und nicht alle paar Monate weitergedreht, wenn man gerade die nebulöse Vorgeschichte komplett vergessen hat. Daneben kann sich der scheinbare Mordfall, in den eine ganze Familie illegaler Iraker verwickelt ist, kein bisschen entfalten. Das wirkt alles so an den Haaren herbeigezogen und so stereotyp, dass es schwer fällt, Empathie zu entwickeln.

Meret Becker als Nina Rubin durfte jetzt schon zum zweiten Mal in der Öffentlichkeit Sex haben. Bei der „Tatort“-Premiere war es wohl auf einer Mülltonne, wenn mich mein Gedächtnis nicht im Stich lässt, und nun war es auf dem Rücksitz des Dienstwagens. Sehr überzeugend, sehr leidenschaftlich. Mark Wascke scheint als Kommissar Karow dagegen schwul zu sein, wie eine vorsichtig konstruierte Szene andeutet. Sehr dezent, sehr familienfernsehtauglich, sehr prüde, sehr langweilig.

Blut und Sperma – und alles fliegt einem als Zuschauer um die Ohren. Das kennt man aus US-Serien zur Genüge. Fehlen bloß noch die in Zeitlupe fliegenden Kugeln und die ständig mit Schreibmaschinengeklapper unterlegten und stückweise einfliegenden Orts- und Zeitangaben. Aber muss das wirklich sein, um Spannung zu erzeugen? Nein, das war nichts.