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TV-Kolumne PZ-zapp

PZ-zapp "Tatort: Borowski und der freie Fall" © Dietz
15.10.2012

PZ-zapp: "Tatort: Borowski und der freie Fall"

Meine Güte, ist das lange her. Uwe Barschel, vom Ministerpräsidenten Schleswig-Holsteins zum untragbaren Skandalfall geworden, hat sich im Genfer Hotel Beau-Rivage das Leben genommen. Die Bilder vom toten Ex-Hoffnungsträger der CDU in der Hotel-Badewanne haben sich kollektiv ins Gedächtnis der Menschen eingeprägt, die vor rund einem Vierteljahrhundert diesen tiefen Fall eines hochrangigen Politikers bewusst erlebt haben. Und jetzt wird das alles noch einmal im Kieler "Tatort: Borowski und der freie Fall" neu aufgerollt.

Da wird ein Enthüllungsautor auf seiner Yacht ermordet. Der hat nicht nur eine Fernsehmoderatorin als Ex-Frau (Marie-Lou Sellem), sondern auch noch ein homoerotisches Liebesverhältnis mit dem frisch zu Amtsehren gekommenen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten (Thomas Heinze). Und weil der Ermordete kurz vor seinem Tod in Genf war, wo sich ja auf neutralem Boden bekanntlich immer alle Geheimagenten dieser Welt treffen und eine Verschwörung nach der anderen geschmiedet wird, müssen auch die Kommissare Borowski (Axel Milberg) und Brandt (Sibel Kekilli) nach Genf. Er dienstlich, sie privat, weil das ja alles so spannend ist, wenn man Teil eines legendären Politkrimis ist.

Mal eben so wird im Hotel Beau-Rivage geschnüffelt, und mal eben so ein Ministerpräsident von Borowski gerüffelt. Weil sich das ausgerechnet die Schweizer und die Politiker einfach so gefallen lassen... Borowski hätte schon längst von seinem Chef einen Denkzettel verpasst bekommen, wenn er als echter Ermittler einen echten Ministerpräsidenten so abgekanzelt hätte wie im „Tatort“. Da schießt Milberg dann doch meilenweit an der Realität vorbei.

Ganz wirklichkeitsnah spielte dagegen Tom Buhrow die Rolle des TV-Nachrichtenmoderators Tom Buhrow. Nur Anne Will wollte wohl nicht. Für sie musste Sellem einspringen, wobei deren Frisur aufregender war als die etwas fade Haarpracht des Polittalkshow-Originals.

Viele Querverweise zum deutschen Fernsehalltag, viele Verbindungen zu einem spannenden Stück jüngerer deutscher Geschichte und viele Hinweise auf Verschwörungstheorien aller Art, wie sie von diversen zweitklassigen Enthüllungsbuchautoren in die Welt gesetzt wurden. Ganz schön viel auf einmal. Am Ende habe ich bedauert, dass nur der vergleichsweise banale Mord auf der Yacht aufgeklärt wurde. Was mit Uwe Barschel nun wirklich passiert ist, blieb offen. Aber das hat seit rund 25 Jahren Methode, dass ein Selbstmord in höchsten Politikkreisen einfach kein Suizid sein darf, sondern ein geheimnisvoller Kriminalfall sein muss. Thomas Kurtz