nach oben

TV-Kolumne PZ-zapp

© Fotolia/Dietz
02.11.2015

PZ-zapp: „Tatort: Côte d'Azur“ - so macht der Bodensee-Krimi Spaß

Dauerhaft gute Noten haben die „Tatort“-Krimis vom Bodensee bei mir nie bekommen, doch in ihrem drittletzten Fall überzeugen die Kommissare Blum (Eva Mattes) und Perlmann (Sebastian Bezzel). Auch wenn die ersten Minuten des „Tatort: Côte d'Azur“ wie ein billiges Horrormovie aus der Resteecke einer Videothek aus alten VHS-Tagen anmuten, in dem der Killer im Weihnachtsmannkostüm seine Kettensäge verlegt hat, so steigert sich die Mördersuche im Säufer- und Junkie-Milieu ganz schnell zu einem spannenden Stück um mittellose, alkoholabhängige Menschen am Rande der Gesellschaft, die dennoch ihre Würde behalten haben.

Nein, dieser „Tatort“ ist kein zu Tränen rührendes Säufer-Melodram, keine um alle Fakten und Zahlen bemühte Sozialstudie und doch erzählt der Sonntagabendkrimi mehr über Penner und Punks als manche engagierten Reportagen aus dem Bodensatz der Unterschicht. Vor allem die glänzenden Dialoge begeistern. Mal eiskalt auf den Punkt gebracht, mal augenzwinkernd von verdrehter Logik, mal Überraschendes, Komplexes in wenigen Worten offenbarend – die Obdachlosen und Süchtigen sind keine stumme, dröge Staffage, sondern haben etwas zu sagen.

Da lässt sich sogar der sonst so blasse Perlmann zu denkwürdigen Bemerkungen hinreißen, die ihn schnell zur Hassfigur für jeden empathischen Menschen machen und zu bösen Blicken bei Kollegin Blum führen. Ob es sich denn rentiere, noch nach dem Motiv zu suchen, fragt er angesichts des verpfuschten Lebens des Mordopfers und der ausweglos verkrachten Existenzen, die als Täter in Frage kommen. Irgendeiner wird halt im Suff einer Rabenmutter die Axt über den Schädel gezogen haben. Kommt halt vor in dem Milieu. Doch Kommissarin Blum kann ihren – schon vom nahen Dienstende 2016 träumenden oder gelähmten? – Kollegen noch einmal in die Spur zurückweisen.

Sie finden heraus, dass die einen Kinderwagen durchs unheimliche Bodensee-Schilf schiebende Mutter ihr Kind misshandelt hat, dass sie jedem Mann aus der Alkoholikertruppe des selbstironisch wie sehnsuchtsvoll „Côte d'Azur“ genannten Pennertreffs unter dem Siegel der Verschwiegenheit geflüstert hat, der Vater ihres Kindes zu sein. Das schafft eine Nähe, die sich nicht nur durch Vorteile beim gemeinsamen Saufen auszahlt. Aber wo Alkohol und Drogen das Beziehungsgeflecht prägen, ist Freundschaft sowieso ein äußerst fragiles Gebilde.

Am Ende wird einer der Säufer als Mörder überführt, der eigentlich nur sein vermeintliches Kind vor den hilflos aggressiven Handlungen der Mutter retten wollte. Die anderen Alkoholiker der Clique bleiben alleine auf sich und ihre Süchte zurückgeworfen. Der leibliche Vater, ein stinkreicher Musikproduzent mit Vorliebe für in die Jahre gekommene Lolitas mit weißen Kniestrümpfen und Zöpfchen, entdeckt plötzlich den Sinn des Lebens jenseits von zügellosen Partys und will der perfekte Vater eines Babys werden, dass dem Tod durch Unterkühlung und Hirnverletzung gerade noch einmal von der Schippe gesprungen ist.

Manchmal nimmt der „Tatort: Côte d'Azur“ leicht märchenhafte, groteske Züge an, aber Gesellschaftskritik und Sozialdrama benötigen hier keine aschgraue Leichenbittermine. Die Menschen vom Rande unserer Gesellschaft werden so lebendig und dabei so würdevoll gezeichnet, dass man ihnen noch eine gute Zeit im „Côte d'Azur“ wünscht und ihnen verzeiht, dass sie im Nikolauskostüm auf dem Weihnachtsmarkt für bedrohte Orang-Utans Geld sammeln und die Münzen umgehend in billigen Rotwein umsetzen.