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TV-Kolumne PZ-zapp

© Fotolia/Dietz
15.09.2014

PZ-zapp: "Tatort: Der Wüstensohn" - darf's ein Klischee mehr sein?

Es ist ja nicht das erste Mal, dass ich an dieser Stelle bekenne, dass ich kein Freund der Münchner „Tatort“-Kommissare bin. Zu oft wirkten sie pomadig, spaßlos, unlocker, passend zur weiß-grauen Haarpracht und der minimalistischen Mimik. Doch im „Tatort: Der Wüstensohn“ zeigte sich das Duo von seiner lebhafteren, emotionaleren, frecheren Seite. Gut so. Leider glitt der Plot zu oft in eine mit Klischees jonglierende Groteske ab.

Es stimmt, dass man an der Maximilianstraße in München mehr tief verschleierte Frauen als Minirockträgerinnen sieht. Dior, Chanel, D&G, Gucci - hier scheint sich die milliardenschwere arabische Schickeria die Nobelboutiquen-Klinken in die Hand zu geben. Eskortiert von großen, kräftigen Herren mit verkabelten Ohren und dem typisch ungnädigen Türsteherblick. Was sie unter dem schwarzen, alles verhüllenden Gewand tragen, scheint aus diesen kleinen Läden mit den großen Preisen zu stammen. So ist mir die Maximilianstraße von meinem letzten München-Besuch im August in Erinnerung geblieben und so taucht sie auch im „Tatort: Der Wüstensohn“ auf.

Doch was in diesem Krimi sonst noch so an Klischees aufgetischt wird, ist selbst mir eine Nummer zu dick aufgetragen. Der Sohn des Emirs von Kumar – irgendein Streifen Wüstensand mit Öl darunter, mit einem absoluten Herrscher und der Scharia als Gesetz – rast mit seinen Protzflizer durch München. Auf dem Beifahrersitz liegt sein toter Bruder. Erschossen. Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) bekommen es mit einem arroganten Nasir al Yasaf (Yasin el Harrouk) zu tun, der auf jegliche Höflichkeitsformen pfeift, der in Staatsanwältinnen westliche Schlampen sieht und deutsche Gesetze als lächerliche Hürden betrachtet, die er jederzeit ungestraft missachten darf. Er verlässt sich mit seinem Diplomatenstatus auf die Immunität und die Dienste eines schmierig-zwielichtigen Konsuls, der den Ermittlern das Leben schwer macht. Während dieser düstere Strippenzieher über einen Teppichhandel verbotene Geschäfte mit dem Segen aus der bayerischen Staatskanzlei macht, lässt es Nasir ordentlich krachen. Sein Leben ist eine einzige Party, in der ganz ungeniert in der Disco gekokst und im Garten mit der Maschinenpistole auf Flaschen geschossen wird. Papa ist ja weit weg und wartet in der Wüste auf die U-Bahn, die er dort bauen lassen will, weil es, so Batic, "oben staubt".

Auf der einen Seite baut sich durch die Dekadenz und Arroganz der arabischen Protagonisten, durch das undurchsichtige Taktieren des Konsuls und die emotionalen Achterbahnfahrten des fünften Emir-Sohnes reichlich Spannung auf. Auf der anderen Seite dümpelt die Geschichte mit den Dunkelmännern und Koksnasen eher an der Oberfläche herum.

Es wäre noch spannender gewesen, hätte man etwas mehr über die Verflechtungen erfahren, die es möglich machen, dass deutsche Waffen in Menschenrechte mit Füßen tretende Länder wie Saudi-Arabien geliefert oder Fußball-Weltmeisterschaften in einen öden Sandkasten wie Katar vergeben werden. Oder über den Widerspruch in der arabischen Zweiklassengesellschaft, in der sich die reiche Aristokratie mit westlichen Luxusprodukten schmückt, während sich am Fuße der Gesellschaftspyramide die Menschen radikalisieren, bis sie bereit sind, für den Gottesstaat zu töten.

Immerhin zeigen sich Batic und Leitmayr bissiger und lebendiger als sonst. Da sprudeln die Beschimpfungen Marke „Kameltreiber“ und der sonst so besonnene Leitmayr ohrfeigt sogar den Konsul. Die beiden werden vielleicht doch noch menschlich. Dafür gibt es von mir ein Plus. Macht zusammen mit dem Minus für den Klischee-Plot einen Mittelmaß-Daumen.