nach oben

TV-Kolumne PZ-zapp

19.08.2013

PZ-zapp: "Tatort: Geburtstagkind" beendet Sommerpause

Endlich. Die „Tatort“-Sommerpause ist vorbei. Aber muss deshalb gleich ein Schweizer Mörderspiel mit den manisch humorlosen eidgenössischen Ermittlern zum Start der zweiten Sonntagskrimi-Halbzeit laufen? Der nebelgraue "Tatort: Geburtstagskind" aus dem ungemütlich trist wirkenden Luzern hat vom Wetter her zum regenwolkentrüben Sonntag in Pforzheim gepasst. Humor? Fehlanzeige. Blutige Action? Null. Aber dafür reichlich Spannung.

Wer es mag, wie sich Til Schweiger als einsamer, egozentrischer und unverwundbarer „Tatort“-Kommissar Nick Tschiller blindlings durch ganz Hamburg ballert, der wird an dem zwar auch einsamen, aber zurückhaltenden und seelisch verwundbaren Luzerner Ermittler Reto Flückiger (Stefan Gubser) wenig Freude haben. Doch genau dessen ruhige Art, kongenial durch seine Teampartnerin Liz Ritschard (Delia Mayer) verstärkt, hat zu der beklemmenden Stimmung der Folge „Geburtstagskind“ gepasst. Wenn nur Nuschel-Til auch einmal so spielen könnte...

Da kämpfen zwei völlig gestörte Männer um das Glück einer Familie, und zerstören letztlich das, was sie zu lieben glauben. Der eine durch seine Unbeherrschtheit, seinen Suff, seine Brutalität, der andere durch seine dem religiösen Wahn geschuldete Kaltherzigkeit und seine sektiererische, unbarmherzige Rigorosität. Kein Wunder, dass die 14-jährige Amina den engen religiösen Familienfesseln entfliehen will. Dass sie dabei schwanger wird und dann abtreiben will, erweist sich später als ihr Todesurteil.

Mit den Eltern konnte sie nicht darüber reden. Die Väter waren zu sehr mit sich selbst, mit ihrem Selbstmitleid oder ihrer Selbstgerechtigkeit beschäftigt. Selbstlose, mitfühlende Kinderliebe boten weder der biologische Erzeuger noch der Stiefvater. Und die sich jeden Abend aus ihrem tristen Leben mit Schlaftabletten hinwegdämmernde Mutter, einst süchtig und jetzt wieder clean in die Sekte "Der Kreis der Gnade" zurückgekehrt, wirkt permanent sediert.

Der "Tatort: Geburtstagskind" ist kein lockerer Actionstreifen, sondern eher schon ein schauriges Psychogramm und ein harter Stoff ganz ohne knallharte Effekte. Das Ermittlerduo Flückiger/Ritschard bringt auf angenehm unaufgeregte, aber höchst konzentrierte Art Licht in diese traurige Geschichte, in der am Ende alle Protagonisten irgendwie ein Opfer geworden sind.

Erstaunlicherweise wird in diesem Drama gar nicht so viel gesprochen. Oft gibt es lange Momente des Schweigens, die jedoch umso beredter wirken. Und wenn es Dialoge gibt, dann sind sie lakonisch und minimalistisch. Es sei denn, der Stiefvater des Mordopfers setzt zu einem moralinsauren, predigenden Monolog an. Dann sprudeln zwar die Worte, aber sie wirken inhalts- und gefühlsleer.

Flückiger, der einsame Wolf und für Luzern so gänzlich untypische Faschingshasser, scheint zwar weiterhin unter einem Lachverbot spielen zu müssen, aber wenigstens läuft es jetzt mit der Synchronisation deutlich besser als zuvor. Die Schweizer „Tatorte“ gewinnen an Profil. Keine leicht verdauliche Kost, aber wirklich gute Unterhaltung.

Bildergalerie: "Tatort"-Kommissare Lannert und Bootz in Nöttingen

Bildergalerie: Immer mehr Kommissare an immer mehr "Tatorten"

Bildergalerie: 40 Jahre Szenen aus dem "Tatort"