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TV-Kolumne PZ-zapp

© Fotolia/Dietz
13.10.2014

PZ-zapp: "Tatort: Im Schmerz geboren" – großes Theater, großes Kino

Ganz großes Theater. Ganz großes Kino. William Shakespeares blutig-düstere Familienabgründe treffen auf Quentin Tarantinos Blutspritzorgien, Duelle aus Westernklassikern wie „High Noon“ oder Sergio-Leone-Streifen konkurrieren mit irren Killerfiguren à la „Pulp Fiction“. Wer den „Tatort: Im Schmerz geboren“ nicht sehen konnte, muss das schleunigst nachholen, um in den nächsten Tagen mitreden zu können, denn dieser Sonntagabendkrimi sorgt lange für Gesprächsstoff, weil er alles in den Schatten stellt, was zuletzt unter dem Etikett „Tatort“ gezeigt wurde.

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Die Reihe gibt es – gefühlt – schon seit der TV-Steinzeit. Die ersten Schimanski-Folgen mit dem prügelnden, fluchenden, sexuell aktiven Götz George hatten eine Zäsur im bieder-braven Kommissar-Alltag im ARD-Familienprogramm bedeutet. Auch das Duo Boerne (Jan Josef Liefers) und Thiel (Axel Prahl) aus Münster läutete mit Slapstickelementen eine neue Ära ein. Und jetzt dieser geniale Kunstfilm, der das „Tatort“-Publikum wohl in zwei Lager trennen wird.

Nein, hier wurde nicht mit viel Betroffenheit und Mitleid in sozial schwachen Milieus ermittelt, hier wurde nicht die klassische Polizeiarbeit mit Spurensuche und Verhör thematisiert, hier wurde phantasiert. Und reichlich Filmgeschichte zitiert und vom Theater kopiert. Dazu webt klassische Musik zwischen Bach, Beethoven und Brahms ein faszinierendes, weil durchaus inhalttragendes Klangnetz. Einfrierende, ins Comichafte abgleitende Bilder, Maschinenpistolenfeuer in Zeitlupe, grell-rotes, aus den vielen Schusswunden platzendes Blut, Rückblenden auf eine Mènage à trois, basierend auf François Truffauts Filmklassiker „Jules und Jim“, Gemälde, vor denen der skrupellose Racheengel zittert und ein Erzähler, von dem man annimmt, dass er gleich „Da steh' ich nun, ich armer Tor, / Und bin so klug als wie zuvor!“ aus Goethes „Faust“ rezitiert. Viel Kunst für 90 Minuten, aber es passt alles – und alles trägt dazu bei, den „Tatort“ neu zu beleben.

Richard Harloff (Ulrich Matthes) hat sich in Bolivien zum Drogenkönig hochgemordet. Sein früherer bester Freund aus der Polizeischule ist heute LKA-Ermittler Felix Murot (Ulrich Tukur). Beide hatten wie in „Jules und Jim“ die gleiche Frau geliebt, aber Harloff ist mit ihr nach Südamerika gegangen. Dort starb sie bei der Geburt ihres Sohnes – und der Vater war Murot. Nach rund drei Jahrzehnten kehrt Harloff mit einem Diplomatenpass zurück nach Deutschland (wunderbar die aus den großen Schwarzweiß-Western entlehnte Duell-Szene am öden Kleinbahnhof). Er hat bereits sein Kuckuckskind (Golo Euler) zu einem ihm blind folgenden Killer geformt und will nun auch den leiblichen Vater durch seinen teuflischen Plan zum Mörder machen. Im Showdown sollen sich Vater Murot und Sohn David gegenseitig töten. Das ist die Rache für den Tod seiner Geliebten, den Hartloff nie überwunden hat.

„Vielleicht hat mich nur der Schmerz so reich und mächtig gemacht“, bekennt der Menschen wie Schachfiguren einsetzende und opfernde Verbrecherkönig. Wenn das nicht Shakespeare aus dem Bilderbuch ist.

Gut, dass Tukur dieses Mal seinen Wiesbadener „Tatort“ nicht zu einer egozentrischen One-Man-Show macht. Eher schon drängt sich Matthes mit seiner Mischung aus Irrsinn und Bösem in den Vordergrund. Ein Gesicht, das man sich öfter auf dem Bildschirm wünscht. Wie überhaupt der Film von den vielen sonderbaren, skurrilen Typen lebt.

47 Tote soll es in diesem Film geben. Kein Problem für mich, denn das Morden wird als großes Schauspiel dargeboten, ein Sterben wie auf der Theaterbühne. Nicht zu vergleichen mit den 19 Toten, die Schützenkönig Til Schweiger in seinem „Tatort: Kopfgeld“ auf dem Gewissen hatte. Das war kindisches Geballer eines von Hollywood träumenden Superhelden. Im „Tatort: Im Schmerz geboren“ wird Töten zur Kunst. Aber hier wirken ja auch echte Schauspieler mit. Und die machten den Film zu einer Sternstunde in der 45-jährigen „Tatort“-Geschichte. Schön, dass ich dabei sein durfte.

 

Am Dienstag, 14. Oktober, 0.35 Uhr ist der „Tatort: Im Schmerz geboren“ noch einmal in der ARD zu sehen. >>> Hier klicken <<< und Sie können den „Tatort“online sehen.

 

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