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28.04.2014

PZ-zapp: "Tatort: Kaltstart" mit etwas zu viel Möhring-Proll

Hamburg scheint das Zentrum deutscher Kriminalität zu sein, denn nur in dieser Stadt ermitteln gleich zwei „Tatort“-Kommissare. Der eine, Prügel-Nick Ballermann-Tschiller, gespielt von Minimalmime Til Schweiger, schießt sich im Hollywood-Stil durch die Unterwelt. Der andere, Wotan Wilke Möhring ist eher schon der versierte Schauspieler, der einen echten Typen mit vielseitigem Charakter verkörpern könnte und als Kommissar Thorsten Falke trotzdem Kill-Til weichen musste. So ist Falke nun bei der Bundespolizei und mobil im deutschen Norden unterwegs. Das rettet den jüngsten „Tatort: Kaltstart“ aber auch nicht.

Am gruseligsten an diesem „Tatort“ ist noch die Vorstellung gewesen, dass wir als Steuerzahler den 2012 fertiggestellten Tiefseewasserhafen JadeWeserPort finanziert haben, diese gigantische Wirtschaftsruine, dieses ruinöse Verkehrsgroßprojekt, entstanden aus Überheblichkeit, Arroganz und Ignoranz. Da fallen einem doch gleich noch andere gigantische Verkehrsprojekte in Deutschland und unserer Nähe ein, die für kalte Schauer am Rücken sorgen. In diesem zur Leblosigkeit verdammten Hafengelände kann Falke als Sohn eines Hafenarbeiters, der bei Blohm + Voss die Pötte zusammenschweißte, seinen Proll-Faktor so richtig ausleben.

Aber irgendwie war mir das ein bisschen Proll zu viel. Nichts gegen Musik von The Clash, die läuft bei mir an erinnerungsseligen Retro-Tagen auch auf dem iPod, aber dass der Superermittler ein T-Shirt von Minor Threat trägt, ist mir dann doch etwas Nonkonformität zu viel für einen Bundespolizisten. Linksaußen-Hardcore auf dem Baumwollhemdchen und die eher entrückte Cat Power auf dem Handy - Wotan Wilke Möhring macht da einen großen Spagat.

Den macht der „Tatort: Kaltstart“ auch in seinem Plot. Menschenschmuggler. Waffenschieber. Kongo. Tiefseewasserhafen. Und im Hintergrund sitzen die Dunkelmänner vor Großbildschirmen und beobachten alle Schritte der Ermittler live. Überwachungskameras und Drohnen überall. Erst die Amis mit ihrem NSA-Sammelwahn und jetzt die Bösen mit ihrer Totalüberwachung - da muss man doch unter Verfolgungswahn leiden. Der Glaubwürdigkeit des „Tatort“-Films hilft das nicht viel.

Regenschauer begleiten von der ersten Minute an die Ermittlungen von Falke und seiner Kollegin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller). Das passt zur depressiven Stimmung im JadeWeserPort. Und Regen ist ja irgendwie typisch norddeutsch. Als Badener mit sonnigem Gemüt kann ich da den Daumen nicht heben, aber weil mir der Hamburger Proll Wotan Wilke Möhring lieber ist als der Hamburger Macho Til Schweiger gibt es eine Geht-noch-so-Wertung.