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TV-Kolumne PZ-zapp

© Dietz
06.01.2013

PZ-zapp: "Tatort: Machtlos" macht einfach nur müde

„Warnung: nicht einschalten!“ So hat Spiegel-online in einem „Tatort-Schnellcheck“ die Leser auf die Gefahr hingewiesen, sich am Sonntag von 20.15 bis 21.45 Uhr beim Sonntagskrimi der ARD extrem zu langweilen. In der Tat: „Machtlos“ hieß nicht nur die Folge mit den Berliner „Tatort“-Ermittlern, machtlos war ich auch als Zuschauer gegen die schnell aufkommende bleierne Müdigkeit vor dem Fernseher.

Nein, ich habe ausnahmsweise vor dem „Tatort“-Start nicht zu viel gegessen oder ein Viertele Roten zu viel geleert, ich hatte davor keine schlaflose Nacht und auch nicht das Hustenbonbon mit einer Schlaftablette verwechselt. Es war allein dieser reichlich fade „Tatort“ aus Berlin, der mich mit dem Schlaf und der Fernbedienung kämpfen ließ. Mehrmals hatten meine Finger schon in Richtung der Programmwechseltasten gezuckt, doch die PZ-news-Chronisten-Pflicht hielt mich 90 Minuten lang zurück. So hart und gemein kann Sonntagsarbeit sein.

Eigentlich mag ich ja die Kommissare Ritter (Dominic Raacke) und Stark (Boris Aljinovic). Ritter ist ein Macho-Charmeur alter Schule. Er kann so schön selbstverliebt sein, hat unter der rauen Schale einen weichen Kern, flirtet gern mal augenzwinkernd und ist in vielen Dingen auf angenehme Art „old-school“, wie meine jüngere Kollegin zu sagen pflegt. Stark ist immer wieder für ein paar nette Scherze gut, aber meistens ist er mir eine Spur zu ernst, zu grüblerisch, zu unspontan. So wie als Zwerg Cloudy in der Otto-Klamotte „7 Zwerge – Männer allein im Wald“.

Im „Tatort: Machtlos“ sind Ritter und Stark gemeinsam öde. „Wir sind alle müde“, sagt Ritter beim einschläfernden Verhör zum Entführer. Tatsächlich wirken Ritter und Stark bei den Ermittlungen so müde wie ich nach einer halben Stunde Machtlosigkeit vor dem Fernseher. Dabei geht es um eine Kindesentführung. Da zählt sonst jede Minute. Die ablaufende Zeit wird zwar auch im „Tatort“ gezählt und immer wieder links unten eingeblendet, aber ein besonderes Spannungsmoment lässt sich daraus nicht ableiten.

Vielleicht hätte der von mir als Schauspieler sehr geschätzte Edgar Selge etwas mehr bewirken können, aber er blieb als kauziger Entführer, der seine erpresste Beute großzügig an Fremde verteilt und ein Zeichen gegen Spekulationen auf Lebensmittelpreise setzen will, irgendwie blass. War das wegen der quälend stumpfen Verhörmethoden, wegen des seltsamen Filmendes oder hatte der Dreh einfach nur auf alle gleichermaßen abgefärbt? Wie erholsam und erfrischend wäre an diesem Abend eine alte Folge der Reihe „Polizeiruf 110“ aus München gewesen, mit Selge als grantigem, überall aneckendem einarmigem Kommissar Tauber.

Die Dialoge in „Tatort: Machtlos“ wirken irgendwie so abgehackt und hölzern, so politisch korrekt. Oft stehen Ritter und Stark einfach nur da und schauen sich hilflos an. Nicht weil sie der eigentlich menschlich zutiefst bewegende Kriminalfall so hilflos macht, sondern die Erstarrung beruht wohl eher auf der Verwunderung über die Geschichte, das Drehbuch, die Regie. Nur einmal kommt so etwas wie Lebendigkeit, wie Authentizität, wie ein echtes Gefühl auf: Wenn die Mutter des entführten und scheinbar gegen das Verdursten kämpfenden Kindes dem im Verhörraum nach einem Glas Wasser greifenden Entführer „Wagen Sie es nicht, vor mir zu trinken“ entgegenfaucht. Das ist meiner Ansicht nach der einzige wahrhaftige und spannende Moment in 90 Minuten.

Zum Schluss noch ein persönliches Geständnis: Während des Verhörs dachte ich die ganze Zeit an Magnus Gäfgen. Der hatte 2002 den elfjährigen Bankierssohn Jakob von Metzler entführt und ermordet. Die Leiche konnte die Polizei nur finden, weil der damalige Frankfurter Polizeivizepräsident Wolfgang Daschner und sein Kriminalhauptkommissar Ortwin Ennigkeit den Entführer mit folterähnlichen Maßnahmen gedroht haben sollen. Daschner und Ennigkeit erhielten eine Strafe, der eiskalte Mörder Gäfgen, der immer noch im Gefängnis sitzt, eine Entschädigung. Ich bin gegen jede Folter, egal ob in den Kerkern in Nordkorea, in den Gefängnissen in China und Iran oder im US-Internierungslager in der Guantanamo-Bucht auf Kuba. Aber ich hätte mir gewünscht, dass Ritter und Stark wenigstens einmal so etwas Eigenmächtiges wie im Gäfgen-Fall in Erwägung gezogen hätten.

Es hätte den holzschnitthaft gezeichneten „Tatort“-Figuren etwas Menschlichkeit und Wirklichkeit gegeben. Für Daschner und Ennigkeit hätte ich den Daumen nach oben gezeigt, für diesen „Tatort“ gibt es leider nur den gesenkten Daumen. Ein verschenkter Abend. 

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